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„Die ganze E-Mobilität ist ein Fehler!“

Elektroautos ein Fehler

Entweder werde ich beschimpft, die Antriebstechnik als Fehler eingestuft oder eine Marke mit religiöser Inbrunst verteidigt. Warum reagieren Menschen beim Elektroauto so emotional? Seit acht Jahren beschäftige ich mich ausschließlich mit Themen rund um Elektromobilität: Autos und Batterien, Energieerzeugung und Recycling. Die Kommentare unter Artikeln und Videos lassen sich in drei Kategorien einteilen: 

  • „Der Autor hat keine Ahnung.“
  • „E-Autos sind Teufelszeug.“
  • „Wehe, er schreibt noch mal etwas Kritisches über Marke XY.“

Dabei hatte alles so positiv begonnen: Ende 2013 sitze ich in einem Tesla Model S. Ich halte an einer roten Ampel, ein Fußgänger überquert die Straße. Er hält auf Höhe meines Testwagens innen, reckt mir den Daumen entgegen. Es ist ein aufregender Neubeginn. Leise Autos, ohne Abgase und dazu extrem sportlich in der Beschleunigung. Für mich beginnt die spannendste Reise meines Berufslebens. Ich besuche E-Autofabriken in Asien, Nordamerika und Europa. Schaue mir Batterieproduktionen und Recyclinganlagen an. Teste E-Autos und rede mit Ingenieuren bis hin zu Elon Musk. Neue Ideen, neue Automarken entstehen. Die Sektoren Mobilität und Energie wachsen zusammen. Doch gleichzeitig geht es abwärts, zumindest was die emotionalen Reaktionen auf meine Berichte angeht.       

                                                                                                                                      

Erster Testwagen: Tesla Model S im Dezember 2013

„Wow, Sondermüll mit Straßenzulassung“

Menschen, die seit Jahrzehnten ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor fahren, die alle zwei Jahre ihr Smartphone und Tablet wechseln, entdecken plötzlich ihr ökologisches Gewissen: „Kobalt wird von Kindern im Kongo abgebaut„, „Lithium gräbt Bauern in Südamerika das Grundwasser ab“ lauten die Mantra-artig wiederholten Vorwürfe. Natürlich war an der Kritik mal etwas dran. Aber kein Autohersteller will jedes Jahr aufs Neue diese Schlagzeilen lesen. Sie alle arbeiten an menschen-, sozial- und umweltverträglichen Lösungen für den Abbau. Schließlich haben sie langfristige Pläne. Elektromobilität geht nicht wieder weg. Das hat zuletzt Deutschlands größter Autobauer mit seinem Power Day deutlich gemacht. Weltweit errichtet Volkswagen eigene Batteriefabriken und Recyclinganlagen.  

Mir geht es nicht um eine Aufrechnung, was die Umwelt mehr schädigt. Aber eins ist klar: Öl ist nach seinem einmaligen Einsatz weg, verbrannt, kommt nicht wieder. Strom können wir mit Wind, Sonne und Biomasse erzeugen. Kobalt, Lithium, Mangan, Nickel und andere Materialien gelangen in einen Kreislauf, der theoretisch niemals endet. Nach dem Einsatz im Auto, wechselt die Batterie in einen stationären Speicher. Erst danach wird sie recycelt. Da die Rohstoffe knapp und damit teuer sind, rechnet sich eine Wiederverwertung. Der erneute Einsatz in Batterien senkt den Bedarf neuer Materialien und ermöglicht den Einstieg in einen globalen Massenmarkt mit batterieelektrischen Fahrzeugen. 

In Deutschland zugelassene PKW und Nutzfahrzeuge mit alternativen Antrieben: Die Brennstoffzelle spielt keine Rolle.

„Ihr würdet gescheiter auf der Wasserstoff-Schiene forschen“

Richtig gelesen: batterieelektrisch, nicht Brennstoffzelle. Aber so wie wir 80 Millionen Bundestrainer bei einer WM haben, haben wir entsprechend viele Ingenieure für alternative Antriebstechniken. Unter jedem meiner Testberichte steht: „Wasserstoff ist die Zukunft“. Das muss eine entfernte Zukunft sein, denn die Zulassungszahlen sprechen eine andere Sprache: Derzeit sind 373.777 batterieelektrische und 357.908 Plug-In-Hybrid Pkw in Deutschland zugelassen. Dagegen stehen 1.124 Brennstoffzellen-Autos. Es könnte auch daran liegen, dass hierzulande nur Toyota und Hyundai entsprechende Modelle verkaufen. Nicht eine deutsche Automarke hat einen Wasserstoff-Pkw im Programm.

Ich habe nichts gegen die Technik. Es ist faszinierend, wie beim Aufeinandertreffen von gasförmigem Wasserstoff und Sauerstoff elektrische Energie freigesetzt wird. Doch die Technologie ist teuer, sensibel und ineffizient. Letzteres bezieht sich auf die Herstellung von grünem Wasserstoff und dem Einsatz im Auto. Selbst viele der europäischen Hersteller von Nutzfahrzeugen nehmen Abstand und setzen auf Batterien. Natürlich gibt es Testfahrzeuge, doch in der Serie ist für die Brennstoffzelle die Rolle als Range Extender, also Reichweitenverlängerer einer batterieelektrischen Kombination, vorgesehen. 

Hyundai Nexo
Testwagen Hyundai Nexo an einer Wasserstoff-Tankstelle

„E-Autos sind der größte Müll seit Erfindung des Rades.“

Doch die Fakten werden gern ignoriert. Dabei versuche ich es immer wieder: Auf meinem Blog heißt der meistgelesene Beitrag „10 Argumente gegen Elektroautos„. Natürlich ist die Überschrift ein Trick, um die Hater anzulocken. Inhaltlich widerlege ich stets wiederholte Argumente von „Wir haben nicht genug Strom“ bis „Der Auspuff eines Elektroautos steht nur woanders“. Doch ich muss lernen, die Zielgruppe ist nicht an sachlichen Diskussionen interessiert. „Kein Wunder, Sie haben das gepanzerte Selbst bzw. den sozialen Raum zum Mitnehmen angegriffen„, erklärt mir Wirtschaftspsychologe Rüdiger Hossiep. Das Auto ist das teuerste Investitionsgut der Familie. Es wird zur Selbstergänzung der Besitzer. Beleidige ich das Auto, beleidige ich die Personen. Hossiep forscht an der Ruhr Uni in Bochum zum emotionalen Verhältnis der Menschen zu ihrem Automobil. Dazu hat er unter anderem den FAHR-Fragebogen entwickelt, den jeder ausfüllen und auswerten lassen kann. 

Kommentare zu einem VW ID.3-Video bei Facebook

„Das einzig brauchbare Update für den Ka..haufen ist eine Schrottpresse oder fünf Liter Benzin“

Elektromobilität scheint viele Menschen zu verunsichern. Sie fragen sich: Darf ich morgen mit meinem Verbrenner noch in die Innenstadt fahren? Wie sieht der Wiederverkaufswert in wenigen Jahren aus?, Warum fördere ich mit meinen Steuern den Kauf von E-Autos?, Wird die neue Bundesregierung Verbrennungsmotoren verbieten? 

Vermutlich nicht. Die Hersteller weichen möglichen Verboten aus, indem sie ihre Antriebstechnik umstellen. GM, Ford, Jaguar, Volvo und Audi haben bereits ein Haltbarkeitsdatum auf ihre Verbrennungsmotoren geklebt. „Die emotionalen Reaktionen sind Ausdruck von Labilität„, meint Psychologe Heinz Gruene. Er ist Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts Rheingold. „Viele Leute sind in ihrem Mobilitäts-Status Quo derzeit nicht gefestigt. Die alte Werbeaussage `Umparken im Kopf´ trifft es ganz gut. Man soll nicht mehr da Parken, wo man es jahrelang getan hat. Der neue Parkplatz ist aber mit diversen Nachteilen wie mangelnder Reichweite und fehlender Ladeinfrastruktur behaftet. Da muss man schon etwas leidensfähig sein.“ 

Kommentare im YouTube-Kanal „Drehmoment“

Wobei immer mehr Menschen den Schritt wagen und umsteigen: Im ersten Quartal 2021 stiegen die Zulassungszahlen von Elektroautos um 131 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit hoffe ich auf eine sachlichere Diskussion, zumindest von Seiten der E-Auto-Fahrer. Weit gefehlt. Die Fan-Boys und Girls sind ebenso emotional wie die Hater. Wehe ich setze mich kritisch mit einem Modell auseinander oder stelle die Entscheidung des Unternehmenslenkers in Frage. Gruene erklärt die Ausbrüche der Marken-Fans so: „Man schlüpft unter ein Markendach auf der Suche nach Stabilität. Da will man sich nicht sagen lassen, das Dach hätte ein Loch.“ Gruenes Erfahrung in Sachen Elektromobilität decken sich mit meinen. Als Motorrad-Fan fuhr er bereits 2011 mit einem elektrischen Motorrad von Sylt zur Zugspitze. Eine öffentliche Ladeinfrastruktur existierte damals nicht. Er fragte mit Stecker in der Hand bei Biergärten und Eiscafés, ob er an die Streckdose dürfe. „Die Reaktionen waren damals sehr positiv und neugierig. Niemand wollte mich für den Strom bezahlen lassen„, fasst er seine damalige Erfahrung zusammen. Ich wünschte mir, ein Funken dieser Neugier und Begeisterung auf das was da kommt, wäre erhalten geblieben.

Kommentar zum Nio ES 8 bei „Drehmoment“
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Dirk Kunde

Dirk Kunde

Elektroautos, Brennstoffzellen, stationäre Speicherbatterien, Ladeinfrastruktur, autonomes Fahren – die spannendsten Entwicklungen passieren im Bereich Mobilität. Darum dreht es sich in meinen Artikeln und Videos. Als Journalist bin ich stets auf der Suche nach neuen Ideen für Mobilität von Morgen.

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