Jaguar Land Rover wird E-Automarke – notgedrungen oder mutiger Schritt?

Jaguar I-Pace

Überraschend verkündet Thierry Bolloré, CEO von Jaguar Land Rover (JLR), den Schritt: Bis 2025 wird Jaguar zur reinen E-Automarke. Land Rover mit den schweren Geländewagen soll bis Ende des Jahrzehnts folgen. Der erste rein elektrische Land Rover SUV kommt 2024. Bis 2026 sind es sechs neue E-Modelle. Der größte britische Autohersteller will bis 2039 vollständig CO2-neutral arbeiten – in der Produktion, in seiner Lieferkette und bei den Fahrzeugemissionen. Für die Elektrifizierung und Entwicklung vernetzter Dienste will das Unternehmen jährlich umgerechnet 2,8 Milliarden Euro investieren.

Thierry Bolloré, CEO JLR
Thierry Boloré bei der Vorstellung von „Reimagine“

Bolloré (ehemals Renault), löste im Herbst 2020 Ralph Speth auf dem Chefposten bei JLR ab. Der Deutsche hatte den britisch-indischen Autokonzern zehn Jahre lang geleitet. Seit 2008 ist JLR eine hundertprozentige Tochter von Tata Motors.

Das einzige E-Auto wird bei Auftragsfertiger produzeirt

Bolloré, der von Renault kommt, nennt sein Programm „Reimagine“. Ich finde den Namen verwirrend, bedeutet er doch, dass man sich etwas Vorhandenes neu vorstellt. Die Elektrifizierung ist aber für JLR ziemlich neu. Zwar war man 2018 mit dem I-Pace einer der ersten europäischen Hersteller mit einem reinen Elektroauto. Doch es wurde nicht auf der Insel, sondern bei Magna in Graz gefertigt. Nach diesem ersten Wurf kam kein weiteres E-Auto. Und der I-Pace war – zumindest in Deutschland – kein großer Verkaufserfolg: In den zweieinhalb Jahren wurden hierzulande 2.536 Stück zugelassen.

Was aber neu ist: Ab diesem Jahr wird das Unternehmen Autos mit Brennstoffzelle und Wasserstoff testen. Derzeit gibt es wenige europäische Hersteller, die auf die Energieerzeugung im Pkw setzen.

GM, Volvo, Mercedes-Benz: in guter Gesellschaft

Das „Reimagine“-Programm passt in den aktuellen Zeitgeist. JLR ist zwar Großbritanniens größter Autohersteller, doch im internationalen Vergleich mit 426.000 Autos (in 2020) recht klein. Mit 9,3 Millionen Fahrzeugen sind beispielsweise Volkswagen und GM (6,83 Mio.) eine andere Größenordnung. Kürzlich verkündete Mary Barra, CEO von General Motors, dem Umstieg auf eine E-Auto-Produktion bis 2035 sowie ein CO2-neutrales Unternehmen bis 2040. Ford (4,19 Mio.) will zumindest in Europa ab 2030 nur noch E-Autos verkaufen. Ab 2023 startet die Produktion auf MEB-Basis (von VW) in Köln. Mercedes-Benz (2,2 Mio. Fahrzeuge) plant bis 2039 eine Null-Emissions-Neuwagenflotte auszuliefern. Bei Volkswagen ist man etwas zurückgerudert: Nachdem es hieß, die letzte Verbrennerplattform werde ab 2026 entwickelt, will man sich nun in Wolfsburg auf keine genaue Jahreszahl einlassen. Doch wohin die Reise beim Verbrennungsmotor geht, ist eindeutig.

Verkaufsverbote und Euro 7-Norm

Die Entscheidung der Autohersteller ist allerdings nicht nur durch den Klimaschutz-Gedanken geprägt. Zwei Gründe bedeuten das Ende von Kolben und Ventilen: Verkaufsverbote und Euro 7-Norm.

In wenigen Jahren starten Einfahrverbote in Städte wie Paris oder Amsterdam sowie Verkaufsverbote für Autos mit Verbrennungsmotor. In Großbritannien diskutiert man, dieses Verbot auf das Jahr 2030 vorzuziehen. In Deutschland gibt es noch keine Jahreszahl, doch im September 2021 sind Bundestagswahlen. Sollten die Grünen an der Regierungsbildung beteiligt sein, dürfte das ein Thema werden. Meine Vermutung: Ab 2035 ist auch in Deutschland Schluss.

Unwirtschaftlicher Verbrenner

Das Europaparlament hat die Klimaziele verschärft, auch um die Vorgaben der Vertrags von Paris zu erreichen. Bis 2030 soll der Ausstoß von CO2 um 60 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 sinken. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, vor allem für den Verkehr. Mit der Euro 7-Norm kommen auf die Hersteller ehrgeizige Vorgaben zu. Da geht es nicht nur um CO2 sondern auch um Kohlenmonoxid, Stickoxid sowie Feinstaub von Bremsen und Reifenabrieb.

Experten sagen, die Auto-Ingenieure könnte die Grenzwerte schaffen, doch würde es den Verbrennung bis zur Unwirtschaftlichkeit verteuern. Zur Verdeutlichung: Die Euro 7 Norm gilt nicht nur einmalig während eines Testzyklus. Die Werte müssen dauerhaft, bei jeder Fahrt eingehalten werden. Was auch kontrolliert werden soll. Vor allem bei einem Kaltstart im Winter werden Emissionswerte überschritten, doch die Norm fordert ihre Einhaltung ab Fahrtantritt. Euro 7 ist quasi der Sargnagel für den Verbrenner.

Gute Geschäft mit Auto-Abo

Zum Abschluss noch eine gute Nachricht von JLR: Das Abo-Geschäft läuft richtig gut. Unter dem Namen Pivotal können Abonnenten alle sechs Monate zu einem neuen Fahrzeug aus der Gruppe wechseln. Im vergangenen Geschäftsjahr verzeichnete man Zuwächse von 750 Prozent bei diesem Geschäft. Nun soll das Angebot internationalisiert werden.

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Dirk Kunde

Dirk Kunde

Elektroautos, Brennstoffzellen, stationäre Speicherbatterien, Ladeinfrastruktur, autonomes Fahren – die spannendsten Entwicklungen passieren im Bereich Mobilität. Darum dreht es sich in meinen Artikeln und Videos. Als Journalist bin ich stets auf der Suche nach neuen Ideen für Mobilität von Morgen.

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