Staat fördert E-Autos, doch es droht eine Ladelücke

Ladelücke

Weitere drei Milliarden Euro investiert die Bundesregierung in die Elektromobilität. Das ist das Ergebnis des vierten Autogipfel – oder der konzertierten Aktion Mobilität – wie das Treffen offiziell heißt. Neben dem frischen Geld wurden ja bereits zwei Milliarden Euro als Teil des Konjunkturpaketes bewilligt. Autos und Autoindustrie werden gefördert, doch beim Ausbau der Ladeinfrastruktur droht eine Ladelücke.

Umweltfreundlichere Nutzfahrzeuge

Erste Milliarde. Neu ist eine Abwrackprämie für Lkw sowie Nutzfahrzeuge der öffentlichen Hand. Doch dieses Geld werden Spediteure und Kämmerer kaum in Lkw mit batterieelektrischem oder Brennstoffzellen-Antriebe investieren können. Es fehlt die Auswahl an serienreifen Fahrzeugen. Bis auf einige Busse und Lkw für den Nahbereich gibt es nur wenige elektrifizierte Zugmaschinen. Es läuft auf sparsamere Verbrennermotoren nach Euro Norm VI hinaus.

Zweite Milliarde. Eine weitere Milliarden Euro fließt in einen sogenannten „Zukunftsfonds Automobilindustrie„. Damit sollen Maßnahmen zur Transformation wie Weiterbildung und Umschulung in der Autoindustrie finanziert werden. Dabei wolle man Kräfte bündeln und ein Zusammenwirken von Bundes-, Landes- und Regionalebene, aber zugleich von Wirtschaft, Gewerkschaften und Wissenschaft erreichen. Noch wirkt die Beschreibung zum Fonds sehr schwammig und ungenau.

Elektrischer MAN eTGM in Berlin

Höherer Umweltbonus bis 2025

Dritte Milliarde. Der Umweltbonus wird länger gezahlt. Die Bundesregierung fördert den Kauf oder Leasing von Elektroautos bis 2025. Erst im Sommer 2020 war der staatliche Umweltbonus (3.000 Euro) durch die Innovationsprämie (3.000 Euro) verdoppelt worden. Mit dem Händlerrabatt sind bei E-Autos bis zu einem Nettolistenpreis von 40.000 Euro insgesamt 9.000 Euro (22,5 Prozent) Einsparung möglich. Die Innovationsprämie wurde zunächst bis Ende 2021 befristet. Nun wird die erhöhte Förderung um vier Jahre verlängert. Die Hersteller sollen ihren Anteil von 3.000 Euro je nach Modell auf bis zu 5.000 Euro erhöhen.

Das bedeutet leider auch, Plug-in-Hybride profitieren weiterhin von der staatlichen Förderung (bis zu 7.500 Euro). Die Fahrzeuge mit Verbrenner- und E-Motor, Batterie und Tank sind höchst umstritten. Durch das höhere Fahrzeuggewicht steigt der Kraftstoffverbrauch. Elektrisch wäre das kein Problem, aber mehr als 50 Kilometer sind mit der Batterie nur selten möglich. Darum sollen ab 2022 nur noch Plug-in-Hybride gefördert werden, die mindestens 60 Kilometer elektrisch fahren, ab 2025 steigt die Mindestreichweite auf 80 Kilometer.

Das Problem: Niemand kontrolliert wie viele Kilometer die Besitzer mit ihren Plug-in-Hybriden tatsächlich elektrisch fahren. Sind sie nur mit dem Verbrennungsmotor unterwegs, emittieren die Fahrzeuge mehr schädliche Abgase als reine Benzin- oder Diesel-Autos mit gleicher Motorleistung. Das noch eingeschweißte Ladekabel beim Leasing-Rückläufern ist längst zur Großstadtlegende geworden.

Zulassungsrekord bei E-Autos

Aktuell sind rund 200.000 Plug-In-Hybride und 240.000 reine Elektroautos laut Hochrechnung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Deutschland zugelassen. Es werden schnell mehr. Im Oktober 2020 meldet das Kraftfahrtbundesamt einen Rekord von 23.158 zugelassenen Elektroautos – ein Plus von 365,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Damit hatten die E-Autos einen Anteil von 8,4 Prozent aller Neuzulassungen. Etwas erfolgreicher sind nur die Plug-In-Hybrid-Fahrzeuge mit einem Anteil von 9,1 Prozent, schreibt das Kraftfahrtbundesamt

Ein Blick auf die Bafa-Zahlen zeichnet das gleiche Bild: Seit Sommer 2020 steigen die Antragszahlen für den Umweltbonus stark an. Mit 34.213 Anträgen im Oktober wurde ein neues Hoch erreicht. Rein rechnerisch könnten es für 2020 über 215.000 Anträge werden.

Bafa Umweltbonus Oktober 2020
Anträge auf Umweltbonus steigen seit Sommer 2020 stark an. Quelle: Bafa

Ladelücke bei den Ladesäulen

So schön der Erfolg der E-Autos ist, offenbart er ein Folgeproblem: die Ladelücke. Wächst die öffentliche Ladeinfrastruktur nicht mit den Zulassungszahlen, wird sich bald Frust über lange Warteschlangen an den Ladepunkten breit machen. Die Grafik von Volkswagen zeigt, dass man für 3,5 bis 4 Millionen elektrifizierte Autos rund 300.000 Ladepunkte benötigt.

Ladelücke Ladestationen VW

Aktuell sind wir bei 33.107 öffentlichen Ladepunkten in Deutschland, so das Ladesäulenregister des BDEW. Jeder zehnte Ladepunkt ist ein DC-Schnelllader. Damit sind in den vergangenen sechs Monaten mehr als 5.300 neue Ladepunkte hinzugekommen – ein Zuwachs um 19 Prozent trotz Corona-Lockdown. Doch hier beginnt das Dilemma: Niemand verdient mit öffentlichen Ladesäulen Geld. Für eine wirtschaftliche Auslastung der bestehenden Ladepunkte wären mindestens 550.000 vollelektrische Fahrzeuge erforderlich, so der BDEW.

Die Energiewirtschaft ist mit dem Bau und Betrieb der Ladeinfrastruktur bisher massiv in Vorleistung gegangen. Stromtankstellen rechnen sich aufgrund der derzeit niedrigen E-Auto-Anzahl immer noch nicht. Wir freuen uns, dass dank staatlicher Förderung endlich mehr Elektrofahrzeuge auf die Straße kommen. Dieser aktuelle Impuls darf aber nicht verpuffen, sondern muss Initialzündung dafür sein, die Elektromobilität in die Breite zu tragen“, sagt BDEW-Chefin Kerstin Andreae. Doch über den bereits beschlossenen Umfang bei der Förderung der Ladeinfrastruktur geht der vierte Autogipfel nicht hinaus. Im Entwurf des Abschlusspapiers bleibt es bei dem bereits früher formulierten Ziel, bis Ende nächsten Jahres 50.000 öffentliche Ladepunkte zu fördern.

Laden an der Tankstelle

Da bei Ionity bereits BMW, Daimler, der Volkswagen-Konzern, Ford und Hyundai engagiert sind, scheut die Bundesregierung vermutlich die Hersteller weiter in die Pflicht zu nehmen. Neben den Stromerzeugern soll nun die Mineralölwirtschaft ihren Beitrag leisten. Die Bundesregierung will über eine Selbstverpflichtung die Betreiber von Tankstellen dazu bekommen, Ladepunkte einzurichten. Bis Ende 2022 soll mindestens ein Viertel aller Tankstellen mit Schnellladesäulen ausgestattet sein. Bis Ende 2024 sollen die Hälfte, zwei Jahre später drei Viertel der Tankstellen über diese Ladeinfrastruktur verfügen.

Tankstelle Ladesäule Star
Laden an der klassischen Tankstelle, Quelle: Star

Lauf KfW-Energiewendebarometer finden über die Hälfte aller Ladevorgänge zuhause, also auf dem Stellplatz oder in der (Tief-)Garage statt. Darum fördert die Bundesregierung über die KfW die Anschaffung einer Wallbox mit bis zu 900 Euro. Wallboxen sind spezielle Steckdosen (Type 2 Stecker), die für eine sichere und schnellere Ladung des E-Autos im privaten Umfeld sorgen. Doch für Menschen in Mietwohnung als auch auf längeren Autofahrten, ist eine öffentliche Ladeinfrastruktur unumgänglich.

Autoindustrie schützen – doch Verbrennerverbote kommen

Die Bundesregierung möchte möglichst viele der rund 830.000 Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie retten. Doch in einer Branche, die so stark von Diesel- und Benzin-Motoren abhängt, wird das schwer, sollten die Hersteller nicht umschwenken. Deutsche Automarken leben zum großen Teil vom Export und die Welt um uns herum verändert sich.

Weltweit kommen in den nächsten Jahren Zulassungsverbote für Verbrennungsmotoren Quelle: ICCT

Laut einer Übersicht der International Council on Clean Transport planen diverse Länder ab 2025 bis 2040 ein Zulassungsverbot für „Verbrenner“. Um uns herum sind das u.a. die Niederlande, Norwegen, Dänemark, Schweden, Irland und Spanien. Die britische Regierung hat ihr Zulassungsverbot gerade auf das Jahr 2030 vorgezogen. Hybride dürften noch bis zum Jahr 2035 verkauft werden. Einfahrverbote für Diesel- und Benzin-Autos werden in Metropolen wie London, Paris, Amsterdam und Brüssel bis 2035 umgesetzt. Spätestens bis zu den Zulassungsverboten sollte die Ladelücke geschlossen sein, denn sonst finden die E-Autos kaum Akzeptanz im Alltag.

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