Vom 9. bis 12. Juli blickt die Autowelt in den Süden Großbritanniens. Rund 100 km südlich von London öffnet Goodwood House seine Tore für das Goodwood Festival of Speed. Was 1993 als vergleichsweise bescheidene Veranstaltung für historische Fahrzeuge begann, ist heute der wichtigste Premierenort der Automobilbranche außerhalb klassischer Messen. Vor allem Elektroauto-Hersteller nutzen den Hügel im englischen Sussex als Bühne: BYD enthüllt acht Modelle von drei Marken, MG zeigt zwei Konzeptfahrzeuge, Alpine debütiert den Prototypen der nächsten A110-Generation. Goodwood ist zum Pflichttermin der Branche geworden.
Ein Landsitz als Motorsport-Mekka
Goodwood House ist der Stammsitz der Familie des Duke of Richmond. Das Anwesen blickt auf eine lange Geschichte zurück: Schon im 19. Jahrhundert fanden hier Pferderennen statt. Das erste öffentliche Rennen auf dem Gelände geht auf das Jahr 1802 zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die RAF (Luftwaffe) das Gelände, danach entstand der Goodwood Motor Circuit, der von 1948 bis 1966 als Rennstrecke betrieben wurde.
Charles Gordon-Lennox, der heutige Duke of Richmond, reaktivierte 1993 die historische Verbindung des Anwesens mit dem Motorsport. Er gründete das Festival of Speed als private Veranstaltung auf dem 1,16 Meilen langen Hügel vor dem Herrenhaus. Das Konzept: historische Fahrzeuge aus allen Epochen des Motorsports in Aktion erleben. Die Rechnung ging auf. Aus der kleinen Gartenparty wurde in drei Jahrzehnten die weltweit größte Motorsport-Veranstaltung dieser Art. Mehr als 600 Fahrzeuge und Motorräder befahren das Festival jedes Jahr, die Tickets für 2026 sind für Freitag, Samstag und als Vier-Tages-Pass bereits ausverkauft.
Vom Oldtimertreffen zum Premierenort
Der Donnerstag des Festivals hat sich in den vergangenen Jahren zum Premierentag der Automobilindustrie entwickelt. Die Verbindung aus medialer Aufmerksamkeit, einem kaufkräftigen Publikum, der Möglichkeit zur dynamischen Demonstration auf dem Hügel und dem einzigartigen Ambiente des Anwesens machen Goodwood attraktiver als viele Messen, die mit sinkenden Besucherzahlen und steigenden Kosten kämpfen. Für die Hersteller bietet der Hügel zudem etwas, das kein Messestand leisten kann: das Fahrzeug in Bewegung.
In den vergangenen Jahren nutzten unter anderem Ferrari, McLaren, Aston Martin und Lamborghini Goodwood für Weltpremieren. 2025 debütierten dort der Ferrari F80, der Aston Martin DB12 Volante und der Hyundai Ioniq 6 N.
Das diesjährige Festival steht unter dem Motto „The Rivals – Epic Racing Duels“ und widmet sich thematisch dem amerikanischen Motorsport, darunter 110 Jahre Indianapolis 500 und 60 Jahre Can-Am. Der Porsche-Veredler Singer ist als zentrales Feature-Thema des Jahres ausgewählt worden.
BYD: Acht Premieren von drei Marken
Die BYD-Gruppe tritt in Goodwood mit dem bislang größten Stand in der Geschichte des Festivals an: 2.016 Quadratmeter, dreistöckig, aufgeteilt auf die Kernmarke BYD, die Premiummarke Denza und die Luxusmarke Yangwang. Acht Fahrzeuge feiern auf dem Gelände ihre Premiere.
Das Highlight des BYD-Auftritts ist die Weltpremiere des Denza Z (Titelbild). Der vollelektrische Sportwagen zeigt sich in zwei Varianten: als Coupé mit 2+2-Sitzkonzept und drei Elektromotoren sowie als Racing-Version mit Carbonfaser-Aerodynamikpaket. Der Dreimotor-Antrieb erlaubt eine Höchstgeschwindigkeit von 349 km/h. Denza nutzt Goodwood gleichzeitig als offiziellen Markteintritt im Vereinigten Königreich: Den Anfang macht der Z9GT, dem zeitnah der D9 DM-i folgt.

Ein Bekenntnis
Europapremiere feiert der BAO 5, ein Offroad-SUV mit DM-o-Technologie, die drei Elektromotoren mit einem 2,0-Liter-Turbobenziner kombiniert. Die Luxusmarke Yangwang bringt den U9 Xtreme nach Großbritannien, das nach Herstellerangaben schnellste Serienfahrzeug der Welt mit einem Nürburgring-Rundenrekord von 6:59,157 Minuten und einem offiziellen Höchstgeschwindigkeitswert von 496,22 km/h. Auf britischem Boden wird damit erstmals die Verfügbarkeit des Fahrzeugs für europäische Kunden kommuniziert.
Für den Massenmarkt präsentiert BYD in Goodwood den Dolphin G DM-i, der nach der Weltpremiere in Berlin nun erstmals in Großbritannien zu sehen ist. Als einziger Kleinwagen seiner Klasse mit Plug-in-Hybridantrieb soll er eine Gesamtreichweite von bis zu 1.040 Kilometern erreichen. Außerdem zeigt BYD den Shark, ein Pick-up mit 435 PS starkem Plug-in-Hybridantrieb und einer Anhängelast von 2.500 Kilogramm.
„Das ist mehr als eine Produktpräsentation – es ist ein klares Bekenntnis. Mit acht Premieren über drei Marken hinweg demonstriert die BYD-Gruppe, wie Innovation, Leistung, Premium-Design und Nachhaltigkeit in einem der vielseitigsten Automobilportfolios der Welt zusammenfinden„, sagt Stella Li, Executive Vice President BYD.
MG: Zwei Konzeptfahrzeuge und ein Blick auf die Zukunft
MG nutzt Goodwood für zwei Konzeptpremieren. Das erste Fahrzeug gibt einen Ausblick auf einen neuen elektrischen Kompaktwagen im B-Segment, der 2027 in die Serienproduktion gehen soll. Das zweite Konzept ist eine Designvision ohne direkten Serienausblick und zeigt, wohin sich die Designsprache der Marke langfristig entwickeln soll. Design Vice President Jozef Kabaň enthüllt beide Fahrzeuge.
Auf der Bergrennstrecke zeigt MG drei Serienmodelle in Aktion: den MGS6 EV, den siebensitzigen MGS9 PHEV und den Roadster MG Cyberster. Am Stand präsentiert die Marke außerdem den MG4 EV Urban, die Limousine MG IM5 sowie den MG ZS Hybrid+ und den MG HS PHEV. Interaktive Robotervorführungen, die täglich ab 10 Uhr stattfinden sollen, runden den Messeauftritt ab.
Alpine: Prototyp der dritten A110-Generation
Alpine reist mit dem bislang größten Messeauftritt der Markengeschichte nach Goodwood. Im Mittelpunkt steht der erste öffentliche Auftritt des Prototypen der nächsten A110-Generation, der als Entwicklungsträger für zukünftige Technologien dient. Die dritte Generation der A110 soll das erste vollständig vollelektrische Fahrzeug der französischen Marke werden und basiert auf der neuen Alpine Performance Platform (APP).
Ergänzt wird der Auftritt durch den aktuellen A290 und die A390, die auf der Bergrennstrecke fahren. Aus dem BWT Alpine F1-Team sind fünf Fahrer vor Ort: die Stammpiloten Pierre Gasly und Franco Colapinto sowie die Academy-Mitglieder Nina Gademan, Paul Aron und Alex Dunne. Am Donnerstag steht ein „Alpine Moment“ auf dem Programm, bei dem der Prototyp der dritten Generation neben historischen A110-Modellen seine Publikumspremiere feiert.
Renault: Elektrooffensive mit Showcar und Serienmodellen
Auch Renault nutzt Goodwood als Bühne. Die Marke zeigt den Renault 5 Turbo 3E in seiner finalen Serienversion: Der Nachfolger des kultigen Turbo und Turbo 2 der 1980er Jahre leistet 563 PS und 4.800 Nm Drehmoment aus zwei heckseitig montierten Elektromotoren. Das Fahrzeug soll in unter 3,5 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen. Außerdem dabei: der Renault Twingo E-Tech Electric für sein erstes dynamisches Debüt in Großbritannien sowie eine Sonderversion des Renault 4 E-Tech electric.
Fazit: Goodwood als Spiegel des Branchenwandels
Das Goodwood Festival of Speed war lange die Bühne europäischer und amerikanischer Sportwagenhersteller. 2026 markiert einen Wendepunkt: Die chinesischen Marken treten nicht mehr als Zaungäste auf, sondern mit den größten Ständen, den meisten Premieren und dem größten medialen Aufwand.
BYD allein enthüllt mehr Modelle als viele klassische Autohersteller in einem ganzen Messejahr. Das ist kein Zufall. Goodwood bietet das, was moderne Messen häufig nicht leisten: echte Fahrzeuge, in Bewegung, vor einem Publikum, das kauft und urteilt. Für Marken, die in Europa Fuß fassen wollen, ist der Hügel in West Sussex ein wichtiger Laufsteg bzw. Bühne.



