Chinas Industrieministerium MIIT hat die sogenannten kleinen türkisen Lichter verboten, mit denen chinesische Hersteller den aktiven Fahrassistenten am Fahrzeug markieren. In einigen Berichten ist auch von blauen Lichtern die Rede. Seit dem 27. Juli 2026 dürfen neu zertifizierte Pkw-Modelle diese Leuchten nicht mehr verbauen. Während in China ein über Jahre gewachsener Wildwuchs zurückgedreht wird, verfolgt Mercedes-Benz mit einer türkisen Markierungsleuchte für den Level 3 Drive Pilot einen regulierten und für Fußgänger potenziell nützlicheren Ansatz.
Was die kleine Leuchten eigentlich sollten
Offiziell heißt sie Automated Driving System Marker Lamp, in China kursiert dafür der Kosename "kleine blaue Leuchte". Li Auto verbaute sie 2022 als erster Hersteller serienmäßig im Geländewagen L9 als auch dem L6 II (siehe Foto). Mehr als ein Dutzend Marken folgten, darunter Xpeng, Nio, Xiaomi, BYD und Aito. Das Artikelfoto zeigt einen Denza Z9 GT auf seiner Fahrt durch Shenzhen. Die Idee dahinter: Ein schmales türkises Leuchtband oder eine einzelne Leuchte außen an der Karosserie signalisiert anderen Verkehrsteilnehmern, dass die Fahrassistenz aktiv ist. In der Praxis fehlte dafür allerdings ein einheitlicher Standard. Hersteller wählten unterschiedliche Einbaupositionen, Helligkeiten und Farbtöne, und genau das wurde zum Problem.

Zwei Kritikpunkte, ein Verbot
Das Industrieministerium begründet den Schritt formal mit einem Verstoß gegen die nationale Lichtnorm GB 4785, die für Fahrzeugleuchten nur Weiß, Rot, Gelb und Amber vorsieht. Inhaltlich nennen Branchenvertreter zwei Probleme: Erstens sitzen die Leuchten bei manchen Modellen auf Augenhöhe nachfolgender Fahrer und blenden nachts und bei Regen. Zweitens führt das Licht bei anderen Verkehrsteilnehmern zu einem Missverständnis über den tatsächlichen Autonomiegrad. Die meisten in China verkauften Systeme arbeiten auf Level 2, der Fahrer bleibt vollständig verantwortlich. Das türkise Licht suggerierte für Außenstehende oft mehr. Ein Verkehrsforscher der North China University of Technology wies darauf hin, dass manche Autofahrer aus Neugier gezielt hinter oder vor ein Fahrzeug mit türkisem Licht fahren, was die Unfallgefahr zusätzlich erhöht. Das China Automotive Standardization Research Institute (CASRI) bestätigte Ende Juli, der bisherige Einsatz der Leuchten sei ausufernd und berge Sicherheitsrisiken. Geely und die Dongfeng-Huawei-Marke Epicland erklärten nach Bekanntwerden des Dekrets, sich an die neuen Vorgaben zu halten. Für bereits verkaufte Fahrzeuge mit dem Licht prüft das MIIT den weiteren Umgang noch, in der Branche wird erwartet, dass viele Hersteller die Funktion zunächst per Over-the-Air-Update deaktivieren.
Mercedes setzt auf Türkis
Die Grundidee, den Zustand eines automatisiert fahrenden Autos nach außen sichtbar zu machen, stammt ursprünglich nicht aus China. Bereits 2015 stattete Mercedes-Benz sein Konzeptfahrzeug F015 mit farbigen Außenlichtern aus. Für die Serie entschied sich der Konzern bewusst gegen Blau und für Türkis, eine Farbe, die im Straßenverkehr nicht belegt ist. Aktiviert der Fahrer den Drive Pilot, leuchten Front- und Heckleuchten sowie Außenspiegel und Lenkrad in Türkis und zeigen an, dass das System auf Level 3 sowohl Lenkung als auch Verantwortung übernommen hat, ein rechtlich entscheidender Unterschied zu den chinesischen Level 2-Systemen.

Mercedes verfolgt dabei von Anfang an einen regulatorischen statt eines rein technischen Weges. In Nevada und Kalifornien laufen die türkisen Leuchten bereits seit Ende 2023 unter behördlicher Ausnahmegenehmigung, in Deutschland erteilte das Kraftfahrt-Bundesamt 2025 eine bundesweite Erprobungsgenehmigung bis Juli 2028. Der Konzern hat die Farbe zudem aktiv in Normungsgremien eingebracht, Türkis findet sich inzwischen in Entwürfen der SAE-Norm J3134, bei der UNECE und in der China Compulsory Certification. Genau der Normungsschritt fehlte den chinesischen Herstellern bei ihren Leuchten und wird ihnen nun zum Verhängnis.

Der Fußgänger-Vorteil, den China noch nicht nutzt
Mercedes-Benz hat das Angebot des Drive Pilots im Level 3 in Deutschland aus seiner S-Klasse zurückgezogen. Bis dahin kam der Drive Pilot vor allem auf Autobahnen zum Einsatz, wo Fußgänger keine Rolle spielen. Sobald automatisiert fahrende Autos mit anderen Verkehrsteilnehmern interagieren müssen, etwa beim Verhandeln von Vorfahrt oder wenn jemand die Straße überqueren will, wird eine klar erkennbare, standardisierte Markierung wichtig. Am Zebrastreifen könnte ein einheitliches Signal Fußgängern zeigen, ob im Fahrzeug noch ein Mensch eingreifen kann oder ob sie sich auf ein Regelverhalten der Software verlassen. Genau diese Klarheit fehlte den chinesischen blauen Leuchten, die technisch dasselbe Problem lösen wollten, aber ohne einheitliche Definition, wofür das Licht eigentlich steht.
Fazit
Chinas Verbot der türkisen Leuchte ist weniger ein Rückschlag für automatisiertes Fahren als eine Korrektur eines unregulierten Marketing-Features. Die Grundidee einer sichtbaren Statusanzeige bleibt richtig, wie Mercedes mit dem türkisen Drive-Pilot-Licht zeigt, entscheidend ist aber die vorherige Abstimmung mit Behörden und Normungsgremien statt ein Wettlauf der Hersteller um das auffälligste Leuchtband. Das MIIT selbst rechnet damit, dass höhere Automatisierungsstufen in China bis 2030 zum Standard werden. Kehrt dann eine einheitlich definierte und internationale abgestimmte Markierungsfarbe zurück, könnte sie am Ende näher an Mercedes' Türkis liegen als am ursprünglichen Blau.




