Nissan startet in Großbritannien ein Forschungsprojekt zu autonomen Mobilitätsdiensten. Unter dem Namen ADventure testet der Hersteller gemeinsam mit der Warwick Manufacturing Group (WMG) der University of Warwick einen fahrerlosen Personentransport in Cambridge. Die britische Regierung fördert das Vorhaben mit drei Millionen Pfund. Im Mittelpunkt steht nicht allein die Fahrzeugtechnik, sondern die Frage, wie ein solcher Dienst in den örtlichen Verkehr passt und wie Fahrgäste Vertrauen in ihn gewinnen.
Drei Schwerpunkte, ein Testfahrzeug
ADventure untersucht drei Bereiche: die Gestaltung von Mobilitätsdiensten für Städte und Gemeinden, den Aufbau von Vertrauen bei Fahrgästen und die Erprobung der Technik unter realen Bedingungen. Als Beispiel nennt Nissan eine Person, die selbst kein Auto fährt und autonom zu einem Arzttermin gebracht wird. Das Projekt endet mit einer Demonstrationsfahrt auf öffentlichen Straßen in Cambridge.
Als Versuchsträger dient ein Nissan Leaf des Modelljahres 2022. Nissan stattet ihn mit selbst entwickelter Technik für automatisiertes Fahren aus, die Sensoren sitzen auf dem Dach. Ein Sicherheitsfahrer bleibt an Bord. Das Fahrzeug basiert auf dem Testträger, den Nissan bereits in früheren britischen Projekten eingesetzt hat. Konkrete Angaben zur Sensorik, also zur Zahl der Kameras, Radar- und Lidarsensoren, zur Rechenplattform oder zur angestrebten Automatisierungsstufe, enthält die Mitteilung nicht. Auch eine Projektlaufzeit nennt Nissan nicht.
Partner und Förderung
Die Projektleitung liegt beim Nissan Technical Centre Europe in Cranfield. Die WMG bringt ihre Expertise zu Sicherheit und Nutzererfahrung ein. PAVE UK (Partners for Automated Vehicle Education) begleitet das Projekt mit Aufklärungsarbeit zur Technik, die Greater Cambridge Partnership unterstützt vor Ort. Die Fördermittel stammen vom britischen Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Wissenschaft und Handel und fließen über das Advanced Propulsion Centre UK und Innovate UK.
David Moss, Senior Vice President für Forschung und Entwicklung der Nissan AMIEO Region, ordnet das Projekt ein: „Dieses Projekt ist ein wichtiger Schritt für die autonome Mobilität in Großbritannien. Mit der Unterstützung der britischen Regierung erweitern wir die Forschung im Bereich autonomer Fahrzeuge über das Zentrum Londons hinaus auf eine weitere Stadt. Dadurch gewinnen wir Erkenntnisse darüber, wie diese Dienste für verschiedene Bevölkerungsgruppen und im realen Alltag funktionieren können.“
Einbindung in lokale Verkehrsnetze
ADventure setzt eine Reihe britischer Forschungsprojekte fort. Bei HumanDrive fuhr ein autonomer Leaf 2019 rund 370 Kilometer von Cranfield bis Sunderland. ServCity erprobte anschließend automatisierte Fahrten im dichten Londoner Stadtverkehr. Mit evolvAD folgten Tests in Wohngebieten und auf Landstraßen. Neu an ADventure ist der Fokus auf den Dienst selbst. Nissan will herausfinden, wie fahrerlose Fahrten in ein lokales Verkehrsnetz eingebunden werden und wie die Bevölkerung an der Gestaltung beteiligt wird.
Prof. Siddartha Khastgir, Head of Safe Autonomy bei der Warwick Manufacturing Group, betont diesen Ansatz: „Mit unserem umfassenden Fachwissen in den Bereichen Sicherheit und Benutzererfahrung, das wir in das ADventure-Projekt einbringen, werden wir gemeinsam mit der Öffentlichkeit ein sicheres Mobilitätskonzept entwickeln, das sowohl deren Bedürfnisse als auch die verkehrspolitischen Prioritäten der Stadt berücksichtigt.“

Cambridge als Testumgebung
Cambridge bietet mit seiner Forschungsinfrastruktur und bereits laufenden Versuchen mit automatisierten Verkehrsmitteln ein etabliertes Umfeld. Brian Milnes, Vorsitzender der Greater Cambridge Partnership, sagt: „Cambridge hat sich zu einem der interessantesten Orte Großbritanniens für die Erprobung autonomer Verkehrsmittel entwickelt und ist nun Testumgebung für ADventure. Wir freuen uns darauf, mit den Projektpartnern zusammenzuarbeiten und die Zukunft autonomer Fahrzeuge mitzugestalten, insbesondere die Vorteile für die Gemeinden zu erkunden und den Nahverkehr zu fördern.“
Die Regierung sieht das Projekt als Teil ihrer Industriepolitik. Blair McDougall, Minister für Reindustrialisierung: „Großbritannien ist führend im Bereich des autonomen Fahrens. Unsere „Modern Industrial Strategy“ bringt Wirtschaft und Wissenschaft zusammen, um Innovatoren zu unterstützen, die die Zukunft des Verkehrs gestalten.“
Einordnung: Forschung statt Robotaxi
Die Dimension des Projekts ist überschaubar. Drei Millionen Pfund, ein einzelnes Testfahrzeug der Vorgängergeneration und ein Sicherheitsfahrer am Steuer: ADventure ist ein Forschungsvorhaben, kein Vorläufer eines kommerziellen Dienstes. Der Leaf von 2022 ist inzwischen von der dritten Modellgeneration abgelöst, die neue Technik fließt in das Projekt nicht ein.
Das Umfeld in Großbritannien hat sich dagegen deutlich bewegt. Mit dem Automated Vehicles Act von 2024 hat das Land einen Rechtsrahmen geschaffen, die Regierung hat Pilotbetriebe kommerzieller Robotaxi-Dienste ab 2026 in Aussicht gestellt. Wayve hat mit Uber Tests in London angekündigt, auch Waymo plant einen Start in der britischen Hauptstadt. Diese Anbieter arbeiten mit Flotten und fahrerlosem Betrieb als Ziel. Nissan konzentriert sich in Europa dagegen weiter auf Grundlagenforschung und Akzeptanzfragen. Konkreter sind die Pläne des Herstellers in Japan, wo er für das Geschäftsjahr 2027 einen fahrerlosen Mobilitätsdienst in Yokohama anstrebt.
Fazit
ADventure verschiebt den Schwerpunkt von der Technik zum Nutzer. Das ist sinnvoll, denn die Akzeptanz in der Bevölkerung entscheidet mit darüber, ob autonome Dienste Fuß fassen. Technisch bleibt das Projekt jedoch vage: Nissan nennt weder Sensorkonfiguration noch Laufzeit noch Ausbauziele. Während Wayve, Waymo und chinesische Anbieter an fahrerlosen Flotten arbeiten, sammelt Nissan in Cambridge mit einem einzelnen Leaf und Sicherheitsfahrer Erkenntnisse. Für einen Hersteller im laufenden Sparprogramm ist das ein vorsichtiger Schritt, aber keiner, der den Rückstand auf die Spitze der Branche verkürzt.
Quellen:


