Der schwedische Elektroautohersteller Polestar verlässt den US-Markt. Grund ist nicht mangelnde Nachfrage, sondern eine regulatorische Entscheidung der US-Regierung. Das Handelsministerium verweigerte dem Geely-Tochterunternehmen die Genehmigung zum Verkauf von Fahrzeugen ab dem Modelljahr 2027. Dazu zählt auch der Polestar 3, der ausgerechnet in South Carolina gefertigt wird.
Was ist die Connected Vehicle Rule?
Die Regel wurde im Januar 2025 finalisiert und verbietet vernetzte Fahrzeuge mit einem „ausreichenden Bezug“ zu China oder Russland auf dem US-Markt. Die US-Regierung hat Angst vor Spionage. Die Software-Verbote greifen ab dem Modelljahr 2027, Hardware-Beschränkungen folgen 2030. Das Regelwerk erfasst Telematik, Kameras, Mikrofone, GPS, Bluetooth, Mobilfunkmodule sowie automatisiertes Fahren – unabhängig davon, ob das Fahrzeug ein Verbrenner, Hybrid oder Elektroauto ist.
Entscheidend ist dabei nicht allein der Fertigungsort, sondern die Herkunft der eingesetzten Software. Auch in den USA gefertigte Modelle können die Genehmigung verfehlen, wenn sie chinesische Software verwenden.
Polestar scheitert – Volvo nicht
Die Entscheidung trifft Polestar hart, zumal der direkte Wettbewerber aus dem gleichen Konzern ungeschoren davonkommt. Volvo, ebenfalls im Besitz von Geely, erhielt nach einem Prüfverfahren durch das Handelsministerium eine Verkaufsgenehmigung. Die Entscheidung fiel nach intensiven Gesprächen über Corporate Governance, Technologiearchitektur und Datensicherheitskonzepte des schwedischen Hersteller. Inwieweit das Volvo Werk in Charleston, South Carolina, in das bislang mehr als 1,3 Milliarden US-Dollar investiert und über 2.000 Arbeitsplätze geschaffen wurden, eine Rolle spielt, ist unbekannt.
Volvo gilt als eigenständiger börsennotierter Hersteller mit größerer US-Präsenz, während Polestar strukturell enger mit Geelys globalem Konzernverbund verflochten ist und Fahrzeugplattformen sowie Software mit anderen Geely-Marken teilt. Die genauen Kriterien, die zu dieser unterschiedlichen Behandlung führten, hat das US-Handelsministerium nicht im Detail erläutert.
Das Paradox: Gefertigt in South Carolina, verboten in den USA
Der Polestar 3 wird im Volvo-Werk in Charleston gefertigt. Der Polestar 4 läuft im südkoreanischen Busan vom Band – keines der Modelle wird in China produziert. Die Verbotsverfügung macht deutlich, dass der Produktionsstandort unter der neuen Regel keine schützende Wirkung entfaltet, wenn die verbaute Software chinesischen Ursprungs ist.
Das Unternehmen gibt an, dass 94 Prozent seiner Einzelhandelsverkäufe im ersten Quartal 2026 außerhalb des US-Markts erzielt wurden. Europa macht bereits knapp 80 Prozent der Einzelhandelsverkäufe aus. Der Verlust des US-Markts trifft Polestar damit weniger hart als es zunächst klingt – strategisch ist Amerika eine Randgröße.
Trotzdem ist die Nachricht an der Börse spürbar angekommen: Die Polestar-Aktie verlor am Tag der Bekanntmachung im Handelsverlauf mehr als 13 Prozent.
Was passiert mit bestehenden Kunden?
Polestar wird den verbleibenden US-Lagerbestand an Polestar 3 und Polestar 4 verkaufen und bestehende Kunden über sein Servicenetz bei Reparaturen unterstützen. Ab dem Modelljahr 2027 endet jedoch das Marketing und der Verkauf neuer Fahrzeuge in den USA. Bestehende Garantien bleiben in vollem Umfang gültig.
Polestar setzt auf Europa und neue Märkte
CEO Michael Lohscheller gibt sich demonstrativ gelassen: „Die Automobilindustrie tritt in eine neue Phase ein, die von regionalen Dynamiken geprägt ist. Unsere Strategie trägt dem Rechnung: Europa ist unser wichtigster Wachstumsmotor, und wir planen, den Polestar 7 dort zu fertigen. Darüber hinaus werden wir weiterhin in Märkte investieren, die uns Wachstumschancen bieten – etwa in Südostasien, Osteuropa, Lateinamerika und Kanada“, sagt Michael Lohscheller, CEO Polestar
Polestar erzielte 2025 nach eigenen Angaben Verkäufe mit mehr als 60.000 Fahrzeugen und einem Umsatz von über drei Milliarden US-Dollar. Im ersten Quartal 2026 wurden 13.126 Fahrzeuge ausgeliefert, ein Plus von sieben Prozent. Allerdings rutschte die Bruttomarge auf minus 3,2 Prozent ab, nach plus 10,3 Prozent im Vorjahresquartal .
Fazit: Regulatorischer Präzedenzfall mit Signalwirkung
Der Rauswurf von Polestar aus dem US-Markt ist mehr als eine Einzelentscheidung. Er zeigt, wie weit die USA bereit sind, Handelsbarrieren unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit zu errichten. Dass ausgerechnet ein in South Carolina gefertigtes Fahrzeug verboten wird, während das Schwestermodell von Volvo weiterhin verkauft werden darf, wirft Fragen zur Konsistenz der Entscheidung auf.
Für die Branche gilt: Wer Geely-Software oder -Plattformen nutzt, muss künftig mit ähnlichen Risiken rechnen. Ford etwa beantragt derzeit eine Genehmigung für seinen in China gefertigten Lincoln Nautilus. Wie dieser Fall ausgeht, wird zeigen, wie weit die USA die Connected-Vehicle-Regel als politisches Instrument einsetzen – oder ob technische Kriterien am Ende doch den Ausschlag geben.


