Im chinesischen Luqiao ist bereits im September der letzte Polestar 2 vom Band gelaufen. Nach gut sechseinhalb Jahren und etwas mehr als 200.000 Exemplaren endet die Produktion des ersten vollelektrischen Polestar. Der Nachfolger kommt erst Anfang 2027. Bis dahin bleibt eine Lücke im Programm, und sie trifft die Marke in einer ohnehin schwierigen Phase.
Nur noch, was auf Lager liegt
Polestar hat das Produktionsende nicht offiziell angekündigt. Die Indizien sind trotzdem eindeutig: In Norwegen und Schweden nimmt der Hersteller keine neuen Konfigurationen mehr an. Interessenten landen bei Lagerfahrzeugen. Auch in weiteren europäischen Märkten verweist Polestar inzwischen auf den Bestand statt auf den Konfigurator.
Auf der deutschen Webseite ist eine Konfiguration Ende Oktober noch möglich. Allerdings nur noch die Long Range Version (große Batterie) mit Heck- oder Allradantrieb. Genannt wird für eine voraussichtliche Lieferung der Zeitraum Dezember 2026 bis Januar 2027. Nach Auskunft eines Polestar-Sprechers läuft der Bestellvorgang so ab, das bei Abschluss eine Information angezeigt wird, ob das Fahrzeug in der gewünschten Konfiguration oder nur so ähnlich vorhanden ist.
Stilles Ende in Luqiao
Gefertigt wurde der Polestar 2 von März 2020 bis September 2026 im Werk Luqiao in der Provinz Zhejiang. Medienberichten zufolge entstanden dort etwas mehr als 200.000 Fahrzeuge. Polestar selbst nennt zuletzt mehr als 190.000 verkaufte Exemplare.
Besonders stark lief das Modell in Norwegen. Dort setzte Polestar mehr als 16.000 Einheiten ab. Die norwegische Landesgesellschaft wertet den Zweier als entscheidend für den Markteintritt der Marke.

Vom Volvo-Konzept zum Volumenmodell
Die Wurzeln des Polestar 2 liegen bei Volvo. 2016 zeigte der Hersteller die beiden Studien 40.1 und 40.2. Aus dem 40.1 entstand der XC40, aus dem 40.2 wurde der Polestar 2. Damit ist das Auto technisch eng mit dem Volvo-Kompaktprogramm verwandt. Es nutzt die CMA-Plattform, die Volvo und Geely gemeinsam entwickelt haben und die ursprünglich für Verbrenner ausgelegt war.
Polestar präsentierte das Serienmodell 2019. Nach dem Plug-in-Hybrid Polestar 1, einem Kleinserien-Coupé, war der Zweier das erste vollelektrische Modell der Marke und zugleich das erste reine Elektroauto im Volvo-Konzern. Die Serienfertigung startete im März 2020 mitten in der Corona-Pandemie, die ersten Auslieferungen in Europa folgten im Sommer 2020.
Der Polestar 2 trat als direkter Konkurrent zum Tesla Model 3 an. Sein technisches Alleinstellungsmerkmal lag in der Software: Als erstes Serienauto nutzte er Android Automotive mit integrierten Google-Diensten wie Maps, Assistant und Play Store. Diese Lösung haben inzwischen zahlreiche Hersteller übernommen.
Im November 2022 lief das 100.000. Exemplar vom Band. Danach verlor das Modell an Schwung. Spätestens mit dem Polestar 3 und dem Polestar 4 war der Zweier nicht mehr das einzige Standbein, blieb aber bis zuletzt das wichtigste Volumenmodell.

Technik: Der große Umbau von 2024
Zum Marktstart setzte Polestar auf einen Allradantrieb mit 300 kW (408 PS) und eine 78-kWh-Batterie. Später folgten einmotorige Versionen mit Frontantrieb und 170 kW. Die Schnellladeleistung lag je nach Akku bei 130 bis 155 kW.
Mit dem Modelljahr 2024 baute Polestar den Antriebsstrang grundlegend um. Die einmotorigen Varianten wechselten von Front- auf Hinterradantrieb. Ein neu entwickelter Permanentmagnetmotor an der Hinterachse leistet seither 220 kW und 490 Nm statt 330 Nm. Die Long-Range-Versionen erhielten eine 82-kWh-Batterie von CATL mit 27 Modulen statt der bisherigen LG-Zellen. Optisch zeigte sich das Update an einer geschlossenen Front mit neuer Radarsensorik für die Assistenzsysteme.
| Variante (MJ 2024) | Antrieb | Leistung | Batterie (brutto) | WLTP-Reichweite | DC-Laden max. |
|---|---|---|---|---|---|
| Standard Range Single Motor | Heck | 200 kW | 69 kWh | bis 518 km | 135 kW |
| Long Range Single Motor | Heck | 220 kW | 82 kWh | bis 635 km | 205 kW |
| Long Range Dual Motor | Allrad | 310 kW | 82 kWh | bis 592 km | 205 kW |
| Dual Motor mit Performance Pack | Allrad | 350 kW | 82 kWh | bis 592 km | 205 kW |
Quelle: InsideEVs, Herstellerangaben zum Marktstart des Modelljahres

Das Update behob einige Schwächen, aber nicht alle. Der Polestar 2 bleibt ein 400-Volt-Fahrzeug. Mit 205 kW Spitzenladeleistung schöpft er aus, was diese Architektur hergibt. Neue Wettbewerber wie der Mercedes CLA setzen jedoch auf 800 Volt und kürzere Ladezeiten. Auch das Grundproblem der CMA-Basis bleibt: Der Mitteltunnel schränkt den Raum ein, und im Fond geht es eng zu. Ein Tesla Model 3 bietet auf ähnlicher Länge mehr Platz und war über weite Strecken der Laufzeit deutlich günstiger.
Nachfolger 2027– bis dahin klafft eine Lücke
Ein Nachfolger soll erst Anfang 2027 debütieren. Polestar spricht von einem komplett neuen Fahrzeug und nicht von einer Modellpflege. Der norwegische Sender TV 2 Broom berichtet von einem Crossover. Offiziell bestätigt sind weder Karosserieform noch Plattform oder Produktionsstandort. CEO Michael Lohscheller hatte 2025 angekündigt, dass der neue Zweier nach dem Polestar 7 als zweites Modell auf einer neuen, einheitlichen Plattform aufbaut. Den Polestar 7 will Polestar im Volvo-Werk im slowakischen Košice fertigen.
Die Nachfolgeplanung wirkt alles andere als geradlinig. Zunächst galt der Polestar 7 als Ersatz für den Zweier. Später korrigierte die Konzernspitze diese Lesart und kündigte einen eigenen Nachfolger an. Das Ergebnis: Das wichtigste Volumenmodell läuft aus, bevor der Ersatz verfügbar ist. Polestar 3 und 4 waren bereits deutlich stärker auf das Premium-Segment ausgerichtet. Der Polestar 5 hat das noch weiter in Richtung Premium-Sportwagen gedreht. In dem Portfolio wirkte der Polestar 2 etwas verloren und abgehängt.
Die Absatzlücke kommt zur Unzeit. Im ersten Halbjahr 2026 stieg der weltweite Absatz nur um 0,4 Prozent auf 30.423 Fahrzeuge. Der Umsatz sank um rund vier Prozent auf 1,36 Milliarden US-Dollar. Für das Gesamtjahr kappte Polestar die Wachstumsprognose auf einen niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich. Als Gründe nennt das Unternehmen den auslaufenden Lebenszyklus des Polestar 2 und das Verkaufsverbot in den USA.
Dort darf Polestar ab dem Modelljahr 2027 wegen der Connected Vehicle Rule keine neuen Fahrzeuge mehr verkaufen. Die Regel zielt auf vernetzte Fahrzeuge mit chinesischer Software und Hardware. Rund 80 Prozent der Verkäufe entfallen inzwischen auf Europa. Der neue Zweier muss sich also vor allem dort gegen einen dichter werdenden Wettbewerb durchsetzen: Tesla Model 3, BMW i3 auf Basis der Neuen Klasse, Mercedes CLA und eine wachsende Zahl chinesischer Mittelklasse-Stromer.

Fazit
Der Polestar 2 hat die Marke getragen. Er brachte Android Automotive in die Serie und war für viele Kunden der erste Kontakt mit Polestar. Technisch blieb er aber ein Kind der Volvo-Verbrennerplattform, mit 400 Volt und engem Fond.
Das Update von 2024 hat ihn konkurrenzfähig gehalten, nicht mehr. Der Nachfolger muss deshalb mehr leisten als eine Modellnachfolge. Er muss die Lücke im Volumen schließen, das Europageschäft stützen und gegen 800-Volt-Konkurrenz von BMW, Mercedes und chinesischen Herstellern bestehen. Ob Polestar das ab 2027 gelingt, entscheidet über die Zukunft der Marke.


