Ladesäulen an Tankstellen sind eine schlechte Idee

Tankstelle Ladesäule Star

Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung sieht eine Auflage zur Einrichtung von Ladesäulen an Tankstellen vor: „Durch eine Versorgungsauflage soll geregelt werden, dass an allen Tankstellen in Deutschland auch Ladepunkte angeboten werden.“ Ich bin ein großer Fan dieses Programms, insbesondere weil es im Mobilitätsbereich auf eine abgasfreie Zukunft ausgerichtet ist. Aber das mit den Tankstellen halte ich für eine wirklich schlechte Idee.

Hier will dort nicht rumstehen. Warum? Jetzt schließ mal die Augen und denk an die Tankstelle, an der Du zuletzt getankt hast. Willst Du hier 30 Minuten oder länger verbringen? Vermutlich lautet die Antwort: Nein.

Parkplätze mit Steckdosen

Ein Elektroauto wird auf dem Parkplatz geladen. Der kann im Parkhaus oder in einer Tiefgarage sein; am Straßenrand oder vor dem Büro. Auch die heimische Garage zähle ich zu den Parkplätzen. Natürlich zählen auch die Stellflächen vor Supermärkten und Einkaufszentren dazu. Genau hier sollte man ein Elektroauto laden können. Ja und natürlich auch auf Rastplätzen entlang der Autobahnen. Aber nicht an Tankstellen. Das sind unwirtliche Orte.

Das ahnten wohl auch einige Autoren des Konjunkturprogamms. Bei Punkt 35f heißt es weiter: „Der Aufbau öffentlich zugänglicher Ladeinfrastruktur (zum Beispiel bei Kitas, Krankenhäusern, Stadtteilzentren, Sportplätzen) wird im Rahmen des Masterplans intensiviert.

Standzeit ist Ladezeit

Genau das ist der Punkt. Überall dort, wo Leute mit ihrem Auto hinfahren und davor, darunter oder daneben parken, sollten sie laden können. Standzeit ist Ladezeit. Ein Auto wird pro Tag durchschnittlich 45 Minuten bewegt. 23 Stunden und 15 Minuten verbleiben für das Laden (so viel zum Thema Reichweitenangst).

Beim Laden muss ich nicht daneben stehen bleiben, anders als beim Tanken. Ich kann die Zeit anders nutzen: Arbeiten, mit Freunden treffen, Einkaufen oder einfach nur die Seele baumeln lassen – das geht aber nicht an einer klassischen Tankstelle.

Weil sich nicht jeder Autofahrer einen großen Tank in den Keller stellen kann, kaum ein schlauer Mensch vor langer Zeit auf die Idee, Tankstellen zu bauen. Für diese Antriebsart eine super Idee. Wird aber immer weniger gebraucht und schon gar nicht für die Elektromobilität.

Überall ist Strom

Insbesondere in Ballungsräumen ist Strom überall verfügbar, seien es unterirdische Stromleitungen oder Straßenlaternen. Gut, das reicht in der Regel nur für einen Wechselstromanschluss (AC). Doch die Ladekapazität der E-Autos steigt. Audi bietet ab Herbst 2020 beispielsweise seinen e-tron mit zweitem internen Ladegeräten an. Damit steigt die mögliche Ladeleistung auf 22 kW. Rein rechnerisch wäre eine vollständig leere Batterie in vier Stunden voll. Für einen Arbeitstag im Büro oder über Nacht an der Ladesäule vor dem Mietshaus vollkommen ausreichend.

Jetzt kommt sicher das Argument: Die Ladesäule am Straßenrand können zwei nutzen, nicht 20. Ja, aber an Tankstellen ist auch nicht unendlich Platz. Wenn ich mir die aktuellen Projekt anschaue, finden da gerade mal zwei bis drei Fahrzeuge Platz (siehe Foto). Shell und EnBW kooperieren bei HPC-Schnellladesäulen. Der polnische Mineralölkonzern PKN Orlen rüstet in den Regionen Berlin, Hamburg sowie in Lübeck seine Star Tankstellen mit Triple-Chargern aus.

Raum anders nutzen

Laut ADAC gibt es in Deutschland noch rund 14.000 Tankstellen. Ein Rückgang um 70 Prozent verglichen mit dem Höhepunkt im Jahr 1969 (46.800 allein in West-Deutschland). Viele dieser Tankstellen liegen in Innenstädten. Da, wo (Wohn-)Raum knapp ist. Man sollte den Platz anders nutzen, sobald sich eine Tankstelle nicht mehr rechnet.

Die Lösung unserer Verkehrsprobleme liegt auch nicht darin, dass morgen alle elektrisch mit dem Auto fahren. Wir müssen es schaffen, mit weniger Autos Individualverkehr hin zu bekommen. Laden an der Tankstelle ist der verzweifelte Versuch von Mineralölkonzernen, das Unausweichliche etwas weiter in die Zukunft zu verschieben.

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