Partnertausch: Mercedes-Benz fährt autonom mit Nvidia statt BMW

Mercedes-Benz Urbanetic autonomes Fahren

Freitagnachmittag Schluß gemacht und Dienstag hat Mercedes-Benz schon eine Neue. Der Partnertausch in Sachen autonomes Fahren ging schnell. Eigentlich wollten die beiden deutschen Premiummarken BMW und Mercedes-Benz ihre Aktivitäten bündeln. Doch nun kommt es anders: Die Stuttgarter setzen auf den (Grafik-)Chip-Hersteller aus dem Silicon Valley.

In einem Video verkünden Daimler-CEO Ola Källenius und Nvidia-Gründer und CEO, Jensen Huang, die zukünftige Zusammenarbeit. Ab 2024 soll die Technologie über alle Mercedes-Benz Baureihen eingeführt werden. Die Fahrzeuge sind upgrade-fähig und können um zusätzliche automatisierte Fahrfunktionen erweitert werden.

Mercedes-Benz arbeitet an autonom fahrendes E-Autos seiner EQ-Baureihe

Mit Partnern fährt man besser

Bislang war Bosch ein wichtiger Mercedes-Partner auf dem Weg zum selbstfahrenden Auto. Was aus dieser Zusammenarbeit wird, blieb unbeantwortet. Doch mit nur einem Partner lässt sich das Ziel nicht erreichen. Die einzelnen Sensoren wie Radar, Lidar, Ultraschall und Kameras, stammen von unterschiedlichen Herstellern. Deren Informationen müssen an einer Stelle im Fahrzeug gebündelt, synchronisiert und ausgewertet werden. Somit benötigt man einen Anbieter extrem leistungsfähiger und kompakter. Der Knackpunkt: Speicher- und Rechenleistung müssen so ausgelegt sein, dass sie kommenden, heute noch unbekannte Aufgaben, problemlos abarbeiten können.

Worauf das hinausläuft, erleben derzeit die Besitzer der Sonos-Lautsprecher. Der US-Hersteller bietet für einige seiner Modelle keine Software-Updates mehr an bzw. die Lautsprecher lassen sich nicht mehr mit neueren Modellen gruppieren. Gut, das sind nur Lautsprecher. Doch ein Auto möchte man länger als nur ein paar Jahre fahren. Außerdem kommen hier sicherheitsrelevante Aspekte hinzu. Die Herausforderung liegt weniger in der Bewältigung der eigentlichen Fahrleistung als der Fähigkeit, in die Zukunft schauen zu können. Was muss ein Auto übermorgen können?

7er BMW im Autonomous Driving Campus von BMW
BMW-Testfahrzeug im Autonomous Driving Center in Unterschleißheim

Von Grand Theft Auto auf die richtige Straße

Das 1993 gegründete Unternehmen Nvidia glänzt damit, die digitalen Welten in Computerspielen fast fotorealistisch durch leistungsfähige Chips auf den Monitor zu bringen. Im Auto geht es darum, ein digitales Abbild der Umwelt zu erzeugen und in Bruchteilen von Sekunden eine Reaktion umzusetzen. Somit sind die Nvidia-Chips auch für die Automobilindustrie geeignet. Das Unternehmen bietet unter Nvidia Drive schon länger seine Hard- und Software in der Branche an.

Die beiden deutschen Premiummarken BMW und Mercedes-Benz sind sich schon länger freundschaftlich verbunden. Daher hatte die Bosse auch ein Kooperationsvertrag unterzeichnet. Doch vermutlich setzten die Entwicklungsingenieure auf unterschiedliche Zulieferer und damit auf unterschiedliche Softwarelösungen. Beides miteinander zu verbinden und wieder bei Null zu beginnen, schien keine Option zu sein. In der Pressemitteilung heißt es etwas verklausuliert: „Allerdings konnten die BMW Group und die Mercedes-Benz AG erst nach erfolgter Vertragsunterschrift im vergangenen Jahr detaillierte Gespräche auf Expertenebene führen und gemeinsam mit Lieferanten über Technologieroadmaps sprechen. In diesen Gesprächen kamen beide Seiten nach intensiver Prüfung zu dem Ergebnis, dass angesichts des hohen Aufwands für eine gemeinsame technologische Basis und vor dem Hintergrund der gesamtunternehmerischen und konjunkturellen Rahmenbedingungen derzeit der richtige Zeitpunkt für eine erfolgreiche Umsetzung der Kooperation nicht gegeben ist.“  Beide Unternehmen betonen ausdrücklich, dass eine Zusammenarbeit zu einem späteren Zeitpunkt weiterhin möglich ist. Sie haben also nicht Schluß gemacht. Es ist nur eine Beziehungspause.

Datenverarbeitung im Kofferaum eines 7er BMW
Test-Equipment in einem autonom fahrenden 7er BMW

Autonom unterwegs in Unterschleißheim

BMW hat viel Geld in seinen Autonomous Driving Campus in Unterschleißheim investiert. Neben einer Testflotte von 7er BMWs wurde ein neues Rechenzentrum aufgebaut. Die Server haben eine Kapazität von 230 Petabyte und über 100.000 Prozessor-Kerne verarbeiten die Fahrdaten. Zu den Testkilometern auf der Straße kommen 240 Millionen Test-Kilometer in Simulationen hinzu. Mit jeder neuen Generation eines Sensors oder Steuergerätes werden jeweils zwei Millionen Kilometer neu berechnet (Re-Processing) um die Leistungssteuerung der Hardware bewerten zu können. Der Aufwand ist enorm und alle Hersteller haben das gleiche Ziel: Fahren auf Level 5. So hat der international Verband der Autoingenieure SAE das Fahren ohne Lenkrad im Fahrzeug definiert. BMW hat sich einige Entwickler von FiatChrysler als Untermieter ins Haus geholt. Als Technikpartner arbeitet man mit dem israelischen Unternehmen Mobileye und dem Softwareanbieter Ansys.

Sämtlicher Autohersteller kämpfen mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Die Kosten müssen runter. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, wenn alle europäischen Hersteller das autonome Fahren gemeinsam erforschen und vorantreiben würden. Die Konkurrenz aus China und den USA wartet nicht. Tesla vermarktet schon heute seinen Level 2-Assistenten als Autopiloten. Waymo, die Google-Beteiligung, testet bereits autonom fahrende Autos auf öffentlichen Straßen und Aptiv bringt der Flotte von Lyft das Fahren bei.

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