Herbert Diess nicht mehr VW-Chef. Ist Volkswagen überhaupt reformfähig?

Herbert Diess bei der IAA 2019 zur ID3-Vorstellung (c) Dirk Kunde

Dr. Herbert Diess (…) erhält damit mehr Freiraum für seine Aufgaben als Konzernchef„, heißt es euphemistisch in der Pressemitteilung von Volkswagen. Der Name des VW-Chefs kommt nicht mal in der Überschrift vor. Da wird nur Ralf Brandstätter als neuer Verantwortlicher für die Marke VW benannt. Dabei hat es die Mitteilung von Deutschlands größtem Autohersteller in sich: Herbert Diess wird auf Druck der IG Metall und des Betriebsrates vom Aufsichtsrat entmachtet. Die Arbeitnehmervertreter wollten Diess komplett loswerden. Das hätte in der aktuellen Lage jedoch ein schlechtes Bild abgegeben. Somit bleibt Diess Vorstandsvorsitzender, muss aber die Macht bei der wichtigsten Marke im Konzern abgeben. Ausgerechnet an einen Mann, den er bei der Marke nicht als COO haben wollte. Diess hatte damals Arno Antlitz als operativen VW-Chef vorgeschlagen, doch der Betriebsrat bevorzugte Brandstätter. Am 1. Juli 2020 rückt der bisherige COO zum CEO der Marke VW auf.

Volkswagen Konzernmarken
Der Volkswagen-Konzern besteht aus einem Dutzend Marken. Scania und MAN sind inzwischen Teil Traton Group.

Die meistverkauften Fahrzeuge im Konzern waren 2019 Tiguan, Polo, Golf, Jetta und Passat – alles VW-Modelle. Von den knapp 11 Milliarden verkauften Fahrzeugen entfallen 38 Prozent auf die Marke VW (Pkw & Nutzfahrzeuge). Nimmt man aus dem Geschäftsbericht den Bereich „VW China“ hinzu, steigt der VW-Anteil auf 75 Prozent. Die Joint Venture Gesellschaften der Rubrik „VW China“ setzten 2019 mit etwas über vier Millionen Fahrzeugen mehr Autos ab als die gesamt Pkw-Marke VW (3,68 Mio. Fahrzeuge).

Geschäftsbericht Volkswagen AG 2019

Herbert Diess macht Tempo

Gerade mal zwei Jahre hat der Frieden in Wolfsburg gehalten, dann war Herbert Diess unten durch. Sicher, er hat Fehler gemacht. Zuletzt hat er sich mit dem Aufsichtsrat angelegt. In einer Rede vor Führungskräften warf er Aufsichtsratsmitgliedern Straftaten vor. Informationen über Diess Vertrag als auch Details der Softwareprobleme beim Golf und ID3 seien von interessierter Seite an die Presse gegeben worden. Natürlich, um Diess zu schaden.

Dabei braucht der Manager jetzt Rückhalt im Konzern. Er will das Unternehmen verändern und ins Zeitalter der Elektromobilität führen. Er tauscht sich immer wieder mit Elon Musk persönlich aus, überreicht dem Tesla-Boss im November 2019 das „Goldene Lenkrad“ vom Springer-Verlag und hält die Laudatio.

Wenn wir in unserem jetzigen Tempo weitermachen,
wird es sogar sehr eng.

Herbert Diess, CEO Volkswagen, beim Global Board Meeting

Eindrucksvoller ist jedoch eine Rede, die Diess bereits Anfang des Jahres Global Board Meeting. In der Abschrift der Rede heißt es: Das Auto ist nicht länger nur Transportmittel. Und das bedeutet auch: Die Zeit klassischer Automobilhersteller ist vorbei. Die Zukunft von Volkswagen liegt im digitalen Tech-Konzern – und nur da. Und wir werden ein zusätzliches Aufholprogramm brauchen, um alles Potenzial im Konzern dafür zu mobilisieren. Was uns fehlt, das sind vor allem Schnelligkeit und der Mut zu kraftvollem, wenn es sein muss radikalem Umsteuern.

Industrie 4.0 und Wandel

Diesel-Betrug und Corona-Krise – beides wirkt noch immer nach. Über all dem schwebt der Fluch der Veränderung. Den Zenit des Autoabsatz haben Volkswagen und alle anderen Hersteller vermutlich überschritten. Unsere Innenstädte quellen über mit Blechkarossen. Wachstum findet nur noch in China und einigen Schwellenländern statt.

Und es ist weniger die Elektromobilität als gesellschaftliche Veränderungen sowie Industrie 4.0, die dazu führen, dass man vom Drei-Schicht-Betrieb auf einen Zwei-Schichten in den Werken umstellt, dass frei werdende Stellen nicht wieder besetzt werden.

Im vergangenen Geschäftsjahr hatte Volkswagen 667.748 Mitarbeiter, davon 294.779 in Deutschland. Das wir hier noch mal steigende Mitarbeiterzahlen sehen, ist höchst unwahrscheinlich. Millenials haben viele Wünsch, das eigene Auto steht nicht oben auf der Liste. Industrie 4.0 bringt mehr Automatisierung in die Fertigung und verdrängt Menschen aus den Produktionshallen.

Bernd Osterloh
VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh

Betonfestung Betriebsrat

Für die IG Metall und den Betriebsrat sind das bedrohliche Entwicklungen. Wenn jemand kommt, der diese Entwicklung nicht mit ihnen aufhalten will, muss er automatisch ein Feind sein. Gegen die Arbeitnehmervertretung kann niemand etwas in der Wolfsburger Zentrale durchsetzen. Weder in einer Werkhalle noch im Aufsichtsrat. Dort sitzen vier Konzern-Betriebsräte und zwei Gewerkschaftsvertreter. Darunter Jörg Hofmann, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Metall.

Nichts gegen Mitbestimmung und Arbeitnehmerrechte. Doch in Wolfsburg treibt das seltsame Blüten. Man denke nur an den VW Skandal. Jetzt werden einige fragen: Welchen denn? Ich meine den Sex-Skandal, der 2005 ans Licht kam. Die Berichterstattung zum Prozess liest sich wie die Drehbuchvorlage eines SAT1-Film-Films: Damit der Betriebsrat Entscheidungen des Vorstands durchwinkt, werden Arbeitnehmervertreter milde gestimmt. Es gibt Geschenke, Lustreisen, Spesen, Nutten und Viagra auf Firmenkosten.

Betriebsrat Klaus Volkert bekommt mit Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer jemanden an die Seite gestellt, der „alles klar macht“. Er sorgte für gedeckte Spesenkonten und organisiert Dienstreisen für den verheirateten Volkert so, dass ausreichend Zeit für seine brasilianische Geliebte bleibt. Laut Gerichtsunterlagen betrugen die Auslagen für diese Dame bis zu 23.000 Euro pro Quartal. Volkert, der als Betriebsrat mit rund 360.000 Euro Jahresgehalt bereits gut bezahlt wurde, erhielt noch mehrere hunderttausend Euro als Boni.

VW Werk Salzgitter
Im VW-Motorenwerk in Salzgitter entsteht die Batteriefertigung für die E-Autos

E-Autos kommen – aus China oder den USA

Mit „Mission T“ (€) und der Audi-Projektgruppe Artemis versucht Diess den Abstand zum Branchenprimus Tesla in Sachen E-Autos zu verkürzen. Alles richtige und wichtige Schritte für den Konzern. Die elektrische Fahrzeugreihe ID muss ein Erfolg werden. Doch derzeit liest man nur von Softwareproblemen. Kein Wunder, das ist für die „Blechbieger“ eine neue Disziplin. Aber zukünftig eine entscheidende Disziplin. Vielleicht hat Diess hier nicht die richtigen Leute oder nicht ausreichend Leute aus dem Unternehmen ins Boot geholt. Vielleicht hat er zu wenig kommuniziert. Eben die typischen Fehler im Change-Management.

Mag alles sein, doch ein Betriebsrat muss die Weitsicht haben zu erkennen, was morgen der deutschen Autoindustrie blüht. Natürlich kann man Herbert Diess auf absehbare Zeit auch vom Posten des Vorstandsvorsitzenden entfernen, aber dann kommt halt ein Neuer. Die Herausforderungen bleiben die Gleichen. In der Zwischenzeit entwickeln, testen und produzieren die anderen weiter. Wenn morgen Tesla, Rivian, Lucid Motors, Aiways, Byton oder Xpeng massenhaft Elektroautos an die Kunden in aller Welt ausliefern, ist es vorbei mit der komfortablen Mitbestimmung in Wolfsburg. Dann wird das Gelände am Mittellandkanal in Wolfsburg zu einem Industriemuseum.

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