Tesla FSD in Europa: Wie Tesla die niederländische Zulassungsbehörde unter Druck setzt

Tesla FSD

Interne E-Mails zeigen, dass Tesla die niederländische Zulassungsbehörde RDW (Rijksdienst voor het Wegverkeer) monatelang drängte, die Prüfung von „Full Self-Driving (Supervised)“ abzuspecken, berichtet Electrek. Die RDW kam dem Hersteller in mehreren Punkten entgegen, genehmigte das System und wirbt nun bei der EU für eine europaweite Zulassung. Die Abstimmung könnte im Dezember 2026 fallen.

Hunderte Seiten Korrespondenz

Grundlage ist eine Recherche der Nachrichtenagentur Reuters. Sie stützt sich auf Hunderte Seiten Schriftverkehr zwischen Tesla und Behörden in sieben europäischen Ländern, die Reuters über Informationsfreiheitsanfragen erhielt. Am aufschlussreichsten ist der Austausch mit der RDW, denn die niederländische Genehmigung bildet das Fundament von Teslas gesamter FSD-Strategie in Europa.

Im November 2024 setzte ein Tesla-Mitarbeiter die Behörde unter Zeitdruck. Er erklärte, der Start der Fahrzeugtests bis Monatsende sei für die Tesla-Führung von zentraler Bedeutung. Die Führung werde das Wohlwollen der Behörde daran messen, ob sie den Termin einhalte.

Streit um eine Rechnung über 365.000 Euro

Anders als in den USA tragen Hersteller in Europa die Kosten solcher Prüfungen selbst. Im April 2025 stellte RDW Tesla 365.000 Euro für fünf Monate Arbeit in Rechnung. Tesla bezeichnete den Betrag als extrem hoch und hielt die Zahlung zurück, bis die Behörde eine stundengenaue Aufstellung für jeden beteiligten Mitarbeiter vorlegt. Auch die Reisekosten für fünf RDW-Prüfer zur Gigafactory Berlin wollte Tesla nicht übernehmen.

Eine Woche später lud ein RDW-Mitarbeiter Tesla ein, Vorschläge zu machen, wie die Behörde ihren Prüfaufwand künftig anpassen oder reduzieren könne. Laut den Dokumenten folgten weitere Zugeständnisse:

  • Tesla wollte eigene Testberichte statt RDW-Prüfer vor Ort. Die Behörde bot an, einen Teil der Tests aus der Ferne zu überwachen.
  • Bei einem Termin zu Over-the-Air-Updates signalisierte die RDW, sie wolle nicht tief in technische Details einsteigen und stelle Teslas OTA-Prozesse nicht infrage.
  • Tesla verlangte vorab Informationen über die geplanten Tests und die Namen der Sicherheitsfahrer. Die RDW stimmte zu.

Die RDW erklärt gegenüber Reuters, der Austausch mit Herstellern beeinträchtige weder ihre Unabhängigkeit noch die Gründlichkeit der Prüfung. Allerdings schwärzte die Behörde große Teile der E-Mails. Ihre eigenen FSD-Testdaten veröffentlicht sie unter Verweis auf Geschäftsgeheimnisse von Tesla bis heute nicht. Damit bittet eine nationale Behörde 26 weitere Staaten, einer Prüfung zu vertrauen, die die Öffentlichkeit nicht einsehen kann.

Sicherheitsstudie mit methodischen Schwächen

Technisch handelt es sich bei FSD (Supervised) um ein kamerabasiertes Level-2-System. Der Fahrer muss es dauerhaft überwachen und bleibt in der Verantwortung. Um die Zulassung voranzutreiben, legte Tesla den EU-Staaten im April ein eigenes „Evidence Dashboard“ vor und veröffentlichte im September eine Europastudie auf X.

Sieben Verkehrssicherheitsforscher prüften die Methodik für Reuters. Ihr Befund: Die FSD-Stichprobe umfasst nur einige Zehn- bis Hunderttausend Meilen und lässt sich nicht seriös mit Hunderten Millionen Meilen manueller Tesla-Fahrten vergleichen. Statt Unfällen erfasst Tesla Ersatzgrößen wie Hupen, Blinkerverhalten, starkes Bremsen und scharfe Kurvenfahrten. Zudem saßen in den FSD-Fahrzeugen Teslas eigene Profi-Testfahrer und keine normalen Kunden. Tesla räumt im Kleingedruckten selbst ein, dass die Ergebnisse keine kausalen Schlüsse zulassen.

Öffentlich argumentiert der Konzern dennoch mit geretteten Leben. Musk warnte, eine verzögerte Zulassung in Frankreich werde Menschenleben kosten. Das Muster ist aus den USA bekannt. Dort verglich Tesla Unfälle mit Airbag-Auslösung unter FSD mit allen abschleppreifen Unfällen der Bundesstatistik und leitete daraus einen Sicherheitsvorteil ab. Laut Reuters schickte Tesla diese US-Daten auch an europäische Behörden.

Kunden als Lobbyinstrument

Eine belgische Studie kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass das System Verkehrsregeln teilweise missachte und mitunter schneller in Temp 30 Zonen unterwegs sei. Kürzlich hat Tesla die nächtlichen Betriebszeiten seines Robotaxi-Dienstes eingeschränkt, um Haustiere zu schützen. Die einfache Erklärung: Die Kameras erkennen Nachts graue oder schwarze Katzen zu spät.

Auf der Hauptversammlung 2025 bat Musk europäische Kunden offen, Druck auf die Regulierer auszuüben. Ein Tesla-Account auf X verlinkte anschließend das Kontaktformular der RDW. Behörden in Schweden und Norwegen erhielten Dutzende E-Mails von Tesla-Besitzern. Der französische Verkehrsminister Philippe Tabarot sah sich auf X persönlich für Verkehrstote verantwortlich gemacht. Stein-Helge Mundal von der norwegischen Straßenverkehrsbehörde stellte gegenüber Reuters klar, dass Behörden Systeme weder wegen ihrer Beliebtheit genehmigen noch wegen Kontroversen ablehnen.

Frankreich lenkt ein, die großen Märkte zögern

Der Druck zeigt Wirkung. Tabarot hatte im Juli erklärt, Frankreich könne FSD nicht unterstützen. Zwei Monate später berichtete er nach einem Videocall mit Musk von einem konstruktiven Austausch und enger Zusammenarbeit mit Tesla.

Im zuständigen EU-Ausschuss für Kraftfahrzeuge (TCMV) stand FSD am 6. Oktober nicht zur Abstimmung, obwohl Tesla diesen Termin kommuniziert hatte. Für eine Zulassung braucht es 15 der 27 Mitgliedstaaten, die zusammen 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren. Acht Länder erlauben FSD bereits: die Niederlande, Litauen, Dänemark, Belgien, Estland, Slowenien, Tschechien und zuletzt Kroatien. Es sind überwiegend kleine Märkte. Deutschland, Italien und Spanien fehlen weiterhin. Schweden fordert eine Ablehnung, solange Fahrer im FSD-Betrieb Geschwindigkeiten oberhalb des Tempolimits einstellen können.

Für Tesla steht viel auf dem Spiel. Der Absatz in Europa sank im vergangenen Jahr um 28 Prozent. FSD gehört zu den wenigen Funktionen, mit denen sich Tesla auf europäischen Straßen noch von BYD, Volkswagen und anderen Wettbewerbern abheben kann. Mercedes-Benz verfolgt mit dem Drive Pilot einen anderen Weg: ein eng begrenztes Level-3-System mit Lidar, für das der Hersteller in definierten Situationen selbst haftet.

Fazit

Die E-Mails belegen nicht, dass FSD unsicher ist. Sie zeigen aber, dass die Prüfung weniger unabhängig ablief, als Tesla suggeriert. Eine Behörde, die nach einem Rechnungsstreit ihren Prüfaufwand zur Disposition stellt und ihre Testdaten zurückhält, liefert eine schwache Grundlage für eine Entscheidung über 450 Millionen Menschen. Tesla könnte die Debatte selbst beenden: mit veröffentlichten Kundendaten zu kritischen Eingriffen pro Kilometer. Bis zur EU-Abstimmung im Dezember liegt der Ball bei Deutschland, Italien und Spanien.

Bild von Michael Schröder

Michael Schröder

Michael in ein Hypermiler. Er will immer noch einen Kilometer mehr aus der Batterie herausbekommen. Effizienz zählt für ihm am meisten beim Elektroauto. Angst liegen zu bleiben ,verspürt er nicht, selbst wenn die Null in der Reichweitenanzeige auftaucht.

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