Eine belgische Studie wirft Teslas Fahrassistenzsystem FSD (Supervised) systematische Tempoverstöße in verkehrsberuhigten Bereichen vor. In mehr als der Hälfte der getesteten 30er-Zonen in Brüssel fährt das System schneller als erlaubt, im Schnitt mit 44 km/h.
Besonders brisant: Die Software erkennt das Tempolimit oft korrekt, zeigt dem Fahrer aber trotzdem 50 km/h an. Der Bericht liegt den Zulassungsbehörden vor, kurz bevor die EU über eine europaweite Freigabe abstimmt.
Wer testet und wie
Die Untersuchung stammt von Geert van Waeg von Johanna.be, einer Brüsseler Non-Profit-Organisation, die sich für Fußgänger und Radfahrer einsetzt. Getestet wird ein Tesla Model 3 mit Software 2026.21.100 und FSD v14.2.2.6. Das System läuft im Standardmodus, der Speed Offset steht auf 0 Prozent, die Funktion Contextual Max Speed ist deaktiviert. Das Fahrzeug fährt damit nach eigener Einschätzung der Software nicht absichtlich schneller als erlaubt.
Die Fahrten finden zwischen dem 20. und 22. Juli 2026 bei trockenem Wetter statt. Eine GoPro Hero 13 filmt gleichzeitig Bildschirm und Windschutzscheibe. Im Fokus stehen drei Verkehrsräume: Tempo-30-Zonen, Wohnstraßen (Woonerf, 20 km/h) und belgische Fahrradstraßen. In Brüssel wählt die Studie 29 Segmente systematisch aus, auf denen 50-km/h-Achsen von 30er-Abschnitten unterbrochen werden, meist rund um Schulen. Einige Strecken fährt das Team bis zu fünfmal, insgesamt sind es 59 Durchfahrten.
Erkannt, aber ignoriert
In 16 von 29 Brüsseler Segmenten (55 Prozent) überschreitet FSD das Limit, die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt dann bei 44 km/h. In ausgeschilderten Zone-30-Bereichen bei freier Fahrt steigt die Quote auf 59 Prozent bei knapp 46 km/h. Laut WHO ist das Todesrisiko eines Fußgängers bei 44 km/h fast sechsmal so hoch wie bei 30 km/h.
Das technische Kernproblem liegt nicht in der Erkennung. Bei 15 von 21 Zonenschildern (F4a) blendet das System kurz das korrekte Limit von 30 km/h ein. Nur in drei Fällen übernimmt es diesen Wert aber als gültige Höchstgeschwindigkeit. In den übrigen Fällen zeigt es dem Fahrer weiter 50 km/h an und fährt häufig entsprechend. In einzelnen Sequenzen springt die Anzeige auf 30 km/h und nach 0,33 Sekunden zurück auf 50 km/h. Über alle Brüsseler Segmente hinweg erhält der Fahrer in rund 90 Prozent der Fälle eine falsche Tempoangabe.
Der Autor vermutet, dass die Software das Zonenschild eher als Aufhebung einer Beschränkung interpretiert. Damit verstößt das Verhalten gegen den Kern von UN R171 (DCAS): Erkennt das System ein niedrigeres Limit, muss es die Höchstgeschwindigkeit automatisch absenken.
Citroën C3 als Gegenprobe
Um schlechte Beschilderung als Ursache auszuschließen, fährt das Team sieben der Strecken mit einem Citroën C3 aus dem Carsharing ab. Dessen konventionelle Verkehrszeichenerkennung identifiziert alle sieben Zonenschilder korrekt und warnt beim Überschreiten. Der Tesla zeigt nur auf einem der sieben Abschnitte 30 km/h an. Ein Kleinwagen mit Standardkamera löst damit eine Aufgabe, an der Teslas Vision-Ansatz scheitert.
In Flandern (6 Segmente) und Wallonien (4 Segmente) fallen die Überschreitungen geringer aus. Das Muster der falschen Anzeige bleibt aber gleich.
Wohnstraßen und Fahrradstraßen
In zwölf getesteten Wohnstraßen, in denen Kinder auf der gesamten Fahrbahn spielen dürfen, überschreitet FSD in fünf Fällen das Limit von 20 km/h, im Schnitt mit 26 km/h. In acht Wohnstraßen zeigt das System 30 oder 50 km/h an. Noch deutlicher fallen die Ergebnisse in belgischen Fahrradstraßen aus. Dort gilt Tempo 30, und Autos dürfen Radfahrer nicht überholen. In keiner der sechs Straßen zeigt FSD das richtige Limit an, sondern 50 oder sogar 70 km/h. Wo keine äußeren Faktoren bremsen, fährt das System 38 und 42 km/h. In einer 600 Meter langen Fahrradstraße in Winksele setzt FSD viermal zum Überholen desselben Radfahrers an, in einer weiteren Straße zweimal. Der Testfahrer bricht jedes Manöver ab. Hier zeigt sich ein strukturelles Problem: Die belgische Zulassung basiert auf der niederländischen, und in den Niederlanden gelten für Fahrradstraßen weder Tempo 30 noch ein Überholverbot.
Bedienung begünstigt das Rasen
Die Studie kritisiert auch die Bedienlogik. Ein Tippen auf das FSD-Symbol öffnet ein Menü, mit dem der Fahrer das Tempo um bis zu 50 Prozent über das erkannte Limit anheben kann. Ein Absenken unter das angezeigte Limit ist dort nicht möglich. Das gelingt ohne Abschalten von FSD nur über das Scrollrad am Lenkrad, der eingestellte Wert erscheint in kleiner grauer Schrift.
Zwei weitere Befunde betreffen die Sicherheit direkt. Bremst der Fahrer, um einzugreifen, deaktiviert sich FSD und löst schlagartig das Lenkmoment. Beim Verlassen eines Kreisverkehrs fährt das Auto dadurch geradeaus auf ein anderes Fahrzeug zu. Zudem gibt der gesetzlich vorgeschriebene Geschwindigkeitsassistent ISA während der gesamten FSD-Fahrten nie einen akustischen Warnton aus. Wählt der Fahrer einen Speed Offset, schaltet FSD den ISA laut Studie ohne Hinweis ab.
Positiv: Rücksicht auf Fußgänger
Im direkten Kontakt mit Fußgängern und Radfahrern verhält sich FSD vorbildlich. Das System hält zuverlässig an Zebrastreifen, erkennt Fußgänger teils früher als ein Mensch und wartet auch dort, wo es rechtlich nicht warten müsste. Es fährt geduldig hinter zwei Joggern auf der Fahrbahn und bremst sogar für eine Katze. Der Bericht betont jedoch, dass dieses Verhalten die Tempoverstöße nicht aufwiegt.
Widerspruch zu Teslas eigenen Daten
Tesla veröffentlicht am 1. September ein Sicherheits-Dashboard. Dort erklärt der Hersteller in der sogenannten Study 8, die kamerabasierte Geschwindigkeitswahl korrigiere falsch erkannte Limits, ohne übermäßiges Rasen zu erzeugen. Die belgische Studie hält die Stichprobe für ungeeignet: Tesla wertet nur Situationen mit anderen Fahrzeugen in unmittelbarer Nähe aus und schließt Szenarien unter 25 km/h aus. Freie Fahrt durch eine leere 30er-Zone, der Kern des belgischen Befunds, taucht dort kaum auf.
Einordnung und Grenzen der Studie
Die Studie hat klare Einschränkungen. Sie stützt sich auf ein Fahrzeug, einen Fahrer und gut zwei Testtage. Wohn- und Fahrradstraßen werden nicht systematisch, sondern nach Gelegenheit ausgewählt, die Stichproben sind mit zwölf und sechs Strecken klein. Zudem vertritt die herausgebende Organisation die Interessen von Fußgängern und Radfahrern. Die Methodik ist allerdings transparent dokumentiert, und die Videoaufnahmen stehen den Behörden zur Verfügung. Unterstützt wurde der Bericht mit fachlichem Feedback von der International Federation of Pedestrians, der European Cyclists‘ Federation und dem European Transport Safety Council.
Regulatorisch ist die Lage heikel. Die niederländische RDW erteilt FSD (Supervised) am 10. April 2026 eine vorläufige EU-Typgenehmigung über das Ausnahmeverfahren nach Artikel 39. Litauen, Estland, Dänemark, Belgien, Tschechien und Slowenien erkennen sie bereits an. Johanna.be schickt den Bericht am 7. September an die RDW und das flämische Verkehrsministerium und fordert, die Genehmigung zu widerrufen. Die Abstimmung im zuständigen EU-Ausschuss TCMV ist für den 6. Oktober 2026 angesetzt.
Fazit
FSD fährt in der Stadt rücksichtsvoll, hält sich aber in genau den Zonen nicht an Tempolimits, die Fußgänger und Radfahrer schützen sollen. Das Problem liegt nicht in der Sensorik, sondern in der Entscheidungslogik: Das System sieht das Schild und fährt trotzdem 50. Dass ein konventionelles Assistenzsystem in einem Kleinwagen die Schilder zuverlässiger umsetzt, dürfte Tesla in der Debatte um die EU-Zulassung schwer erklären können. Für die Abstimmung am 6. Oktober stellt sich damit die Frage, ob die Behörden bei einer Ausnahmegenehmigung auch lokale Verkehrsregeln wie belgische Fahrradstraßen ausreichend geprüft haben.
Quellen:


