Rolls-Royce schickt sein Project Nightingale auf Testfahrt

Rolls Royce Nightingale

Rolls-Royce geht mit seinem exklusiven Project Nightingale auf Erprobungsfahrt. Die auf gerade mal 100 Fahrzeuge limitierte Coachbuild-Collection durchläuft insgesamt 350 Testwochen. Die Route startet in Südeuropa und führt in die Wüsten der Arabischen Halbinsel. Zu Antrieb, Batterie und Reichweite äußert sich der Hersteller bislang leider nicht.

Ein Coachbuild, nicht der erste Stromer

Das erste vollelektrische Modell der Edelmarke ist der Spectre, der seit 2023 ausgeliefert wird. Nightingale baut auf dem gleichen elektrischen Antriebskonzept auf, ist aber ein anderes Produkt. Ein Coachbuild bezeichnet eigentlich eine Karosserie, die nach Kundenwunsch gefertigt wurde (zu Zeit von Kutschen). Wie viel Kundenanregungen hier eingeflossen sind, ist unklar. Der Anblick ist gewöhnungsbedürftig: Eine massive, fast kantige Front kontrastiert mit einem weichen, nach hinten abfließenden Heck.

Rolls Royce Nightingale

Zwischen Mittelmeer und Arabischer Halbinsel

Die Ingenieure verteilen die 350 Wochen auf mehrere Klimazonen. Die Prototypen fahren auf den Küstenstraßen des Mittelmeers, am Polarkreis und in den Wüsten der Arabischen Halbinsel. Der Hersteller nennt Temperaturextreme und Höhen bis 2.750 Meter. Wie viele Prototypen im Einsatz sind, sagt er nicht.

Der Start in Südeuropa hat historische Gründe. Der Projektname Nachtigall geht auf Le Rossignol zurück, das Haus, das Henry Royce für seine Konstrukteure nahe seinem Winterwohnsitz an der Côte d’Azur bauen ließ. Von dort und vom Prüfgelände in Châteauroux aus testeten die Ingenieure Anfang des 20. Jahrhunderts Dauerhaltbarkeit und Geschwindigkeit.

Project Nightingale“ verkörpert denselben kühnen Geist, der Sir Henry Royce in den 1920er Jahren dazu antrieb, seine experimentellen „EX“-Modelle zu bauen: das Streben danach, das wahre Potenzial von Rolls-Royce zu ergründen – frei von Konventionen. Jedes Detail wird bis zur Perfektion verfeinert, bis hin zum Klang des schließenden „Piano Boot“-Kofferraumdeckels selbst nach 15.000 Betätigungszyklen”, sagt Chris Brownridge, Chief Executive von Rolls-Royce Motor Cars, einem Tochterunternehmen der BMW Group.

Aerodynamik und Windgeräusche im Fokus

Die Entwicklung läuft seit fast drei Jahren. Statische Prototypen haben nach Herstellerangaben mehr als 1.430 Stunden Aerodynamikarbeit hinter sich, darunter digitale Simulationen und Windkanaltests. Die Ergebnisse überprüft Rolls-Royce nun auf einem privaten Hochgeschwindigkeitsgelände bei bis zu 250 km/h. Das entspricht der elektronischen Abregelung des Spectre. Auf der Strecke analysieren die Ingenieure vor allem die Windgeräusche im offenen Zweisitzer.

Rolls Royce Nightingale

Windabweiser, Dach und Piano Boot

Für Nightingale entwickelt Rolls-Royce einen vollelektrischen Windabweiser. Er soll verhindern, dass Luft von hinten in den Innenraum zurückströmt. Die Ingenieure testen ihn bei verschiedenen Geschwindigkeiten. Bei geöffnetem Dach in kalten Regionen soll er außerdem die Wärme im Innenraum halten. Das Dach erhält eine Dämmung aus Kaschmir, Stoff und Hochleistungsverbundwerkstoffen. Zehn Einzeltests prüfen Material, Schließmechanismus und Verhalten bei Temperaturen bis 80 °C.

Ein Novum bei Rolls-Royce ist die Piano Boot. Die Heckklappe öffnet seitlich an einem Ausleger. Sie muss bis zu 15.000 Öffnungs- und Schließzyklen überstehen. Ausleger und Scharniere gehören damit zu den mechanisch am stärksten belasteten Bauteilen des Programms.

Rolls Royce Nightingale

Was der Hersteller nicht nennt

Die Pressemitteilung enthält keine Angaben zu Motorleistung, Drehmoment, Batteriekapazität, Ladeleistung oder Reichweite. Auch zu Preis, Auslieferungstermin und zur Sensorik für Assistenzsysteme fehlen Zahlen. Zum Vergleich: Der Spectre kommt auf 430 kW (585 PS) und 900 Nm, seine WLTP-Reichweite liegt bei bis zu 530 Kilometern. Ob Nightingale dieses Niveau hält oder verschiebt, bleibt offen.

Ein offenes Fahrzeug mit großem Windabweiser und aufwendigem Dach stellt andere Anforderungen an Gewicht und Effizienz als ein Coupé. Die Wintertests am Polarkreis zeigen, dass Rolls-Royce die Reichweite bei Kälte kennt.

Fazit

Rolls-Royce erprobt Nightingale mit hohem Aufwand, der bei 100 Fahrzeugen pro Exemplar ins Gewicht fällt. Für die Branche ist das Projekt weniger ein technischer Fortschritt als eine Positionsbestimmung: Im Luxussegment, in dem auch Bentley und Mercedes-Maybach elektrifizieren, setzt die Marke auf Handarbeit und Kleinserie statt auf Skalierung. Ob die Technik überzeugt, zeigt sich erst, wenn Leistungsdaten und Reichweite auf dem Tisch liegen.

Rolls Royce Nightingale

Bild von Dirk Kunde

Dirk Kunde

Elektroautos, Brennstoffzellen, stationäre Speicherbatterien, V2G, Ladeinfrastruktur, autonomes Fahren – die spannendsten Entwicklungen passieren im Bereich Mobilität. Darum geht es in meinen Artikeln und Videos. Als Journalist bin ich stets auf der Suche nach neuen Ideen für Mobilität von Morgen.

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