Polestar: US-Verkaufsstopp hat den Hersteller kalt erwischt – Händler verklagen die Marke

Polestar 3

Polestar habe die Entscheidung des US-Handelsministerium kalt erwischt, schreibt der Hersteller in einem Schreiben an seine Händler, berichtet das Wall Street Journal. Die Trump-Regierung verweigert dem chinesisch kontrollierten Elektroautohersteller die Zulassung für das Modelljahr 2027. Nach Angaben des Herstellers zog sich der Prozess über mehr als ein Jahr hin, bevor die überraschende Entscheidung fiel. Parallel verklagt ein Händler die Marke mit dem Stern-Logo wegen entgangener Einnahmen und hoher Investitionen.

Connected Vehicles Rule als Auslöser für Verkaufsverbot

Das US-Handelsministerium (Commerce Department) verweigert Polestar über seine Behörde Bureau of Industry and Security (BIS) die Genehmigung, ab dem Modelljahr 2027 weiter Fahrzeuge in den USA zu verkaufen. Grundlage ist die Connected Vehicles Rule, die den Import und Verkauf von Fahrzeugen mit russischer und chinesischer Vernetzungstechnik untersagt. Betroffen sind Bluetooth, WLAN, Mobilfunk und Teile der Satellitenkommunikation. Die Behörde begründet die Regel mit nationaler Sicherheit: Solche Systeme könnten sensible Daten von US-Bürgern sammeln und nach China übertragen. Die Regel stammt aus dem Januar 2025, verabschiedet unter Präsident Biden, und bleibt unter Donald Trump in Kraft.

Bemerkenswert ist der Vergleich zur Konzernschwester Volvo. Beide Marken gehören mehrheitlich dem chinesischen Geely-Konzern, beide bauen ihre Elektro-SUV auf derselben Plattform, teils sogar am selben Standort in South Carolina. Volvo erhält allerdings eine Sondergenehmigung für den Verkauf, Polestar nicht. Polestars US-Verantwortlicher für Regierungsbeziehungen, Peter Wexler, hält in einem Schreiben an die Behörde fest: „Der Volvo EX90 ist vergleichbar mit dem Polestar 3, enthält sogar den gleichen Software-Stack.“

Hersteller wirft Behörde Verzögerung vor

Nach Angaben von Polestar zieht sich der Entscheidungsprozess über mehr als ein Jahr hin, ohne dass das Unternehmen eine nachvollziehbare Begründung erhalten hätte. Gegenüber seinen Händlern spricht Polestar von einer „disparate treatment“, einer Ungleichbehandlung im Vergleich zu Volvo. Eine Klage gegen die Entscheidung reicht der Hersteller allerdings nicht ein. Ein Firmensprecher begründet den Verzicht mit der wirtschaftlichen Ausgangslage: 94 Prozent des weltweiten Absatzes entfielen im ersten Quartal 2026 auf Märkte außerhalb der USA. Im Vorjahr verkaufte Polestar in den USA lediglich 5.747 Fahrzeuge. Das entspricht rund sechs Prozent des globalen Absatzes.

CEO Michael Lohscheller kündigt eine stärkere Fokussierung auf Europa an. Bestehende Bestände der Modelle Polestar 3 und 4 verkauft das Unternehmen weiter in den USA, inklusive Rabatten von bis zu 25.000 US-Dollar. Der Servicebetrieb für Bestandskunden bleibt erhalten.

Händler verklagt Polestar auf 25 Millionen Dollar

Für die 32 US-Händler der Marke bedeutet der Rückzug erhebliche finanzielle Risiken. Einer von ihnen, die New Jersey-Händlergruppe Prestige Imports, reichte am 12. August 2026 Klage vor dem Bergen County Superior Court ein und fordert mindestens 25 Millionen US-Dollar Schadenersatz. Die Klage stützt sich auf den New Jersey Franchise Practices Act, der Herstellern vorschreibt, Handelsverträge nur mit mindestens 60 Tagen Vorlauf und aus triftigem Grund zu kündigen.

Prestige Imports wirft Polestar vor, den Rückzug aus den USA bereits seit rund zwei Jahren geplant und die behördliche Ablehnung lediglich als Vorwand genutzt zu haben. Als Beleg führt die Klage unter anderem ein mehrjähriges Ausbauprojekt in Bergen County an, das Polestar nach Angaben der Klageschrift noch im Februar 2026 genehmigte – verknüpft mit dem für 2028 geplanten Marktstart des Polestar 7. Der republikanische Senator Bernie Moreno aus Ohio äußert sich in eine ähnliche Richtung: „Polestar scheitert an Polestar. Es ist nicht die Schuld der US-Regierung.“ Nach seinen Angaben machte Polestar zuletzt bis zu 35.000 US-Dollar Verlust pro verkauftem Fahrzeug in den USA.

Matthew Haiken, einer der größten Polestar-Verkäufer in den USA, fordert im Gespräch mit dem Wall Street Journal Aufklärung: „Wir verdienen Antworten.“ Er zählt zu jenen Betrieben, die in den vergangenen Jahren Millionenbeträge in den Ausbau seiner Polestar-Standorte investiert hat, unter anderem im Hinblick auf den geplanten SUV Polestar 4.

Fazit

Der Fall zeigt zwei Probleme: eine Handelspolitik, die zwei Schwestermarken desselben Konzerns unterschiedlich behandelt, ohne dies öffentlich zu begründen, und einen Hersteller, der die eigene Kommunikation gegenüber Händlern nicht ausreichend transparent gestaltet.

Sollte sich der Vorwurf von Prestige Imports erhärten, dass Polestar den Rückzug lange plante und die Regulierung nur als Anlass nutzt, drohen weitere Klagen der übrigen 31 US-Händler. Für andere Hersteller mit chinesischer Kapitalbeteiligung liefert der Fall eine Warnung: Der Ausstieg aus dem US-Markt lässt sich rechtlich nicht allein über eine Behördenentscheidung abwickeln, solange bestehende Franchiseverträge existieren.

Bild von Dirk Kunde

Dirk Kunde

Elektroautos, Brennstoffzellen, stationäre Speicherbatterien, V2G, Ladeinfrastruktur, autonomes Fahren – die spannendsten Entwicklungen passieren im Bereich Mobilität. Darum geht es in meinen Artikeln und Videos. Als Journalist bin ich stets auf der Suche nach neuen Ideen für Mobilität von Morgen.

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