Mercedes-Benz startet Produktion der elektrischen C-Klasse im ungarischen Kecskemét

Mercedes-Benz C-Klasse Montage in Ungarn

Mercedes-Benz eröffnet Mitte Juli den erweiterten Werksteil im ungarischen Kecskemét und startet dort die Produktion der neuen elektrischen C-Klasse. Der Standort wächst von 200 auf 440 Hektar und wird damit zur größten Automobilfabrik Ungarns.

Für die Marke ist es das erste Modell aus der Core-Kategorie, das außerhalb Deutschlands produziert wird. Der Konzern spricht in seiner Pressemeldung als Beweggründe von Flexibilität und Resilienz in Ungarn. Doch dürften die deutlich niedrigeren Kosten in dem osteuropäischen Land ebenfalls ein wesentlicher Grund sein.

Zwei Hallen, ein Presswerk und eine Batteriemontage

Rund eine Milliarde Euro hat Mercedes in den Standort investiert. Entstanden sind zwei neue Hallen für Karosseriebau und Montage, ein zweites Presswerk, eine neue Lackiererei sowie eine Batteriemontage. Die Fertigung folgt einem dualen Ansatz: In der bestehenden Halle laufen Verbrenner und Elektrofahrzeuge flexibel auf einer Linie, die neue Halle ist auf vollelektrische Modelle ausgelegt. Nach Angaben aus dem Konzernumfeld verdoppelt sich die Kapazität damit auf bis zu 400.000 Fahrzeuge pro Jahr. Kecskemét wäre somit der größte Mercedes-Standort Europas und nach Peking der zweitgrößte weltweit. Konkrete Stückzahlen nennt die Pressemitteilung allerdings nicht.

Antriebsbatterien und Karosserieteile für GLB und C-Klasse entstehen vor Ort. Mercedes nennt das Local-for-Local und verweist auf kürzere Wege. Zusätzlich baut der Hersteller so genannte Produktionsachsen parallel in deutschen Werken auf. Der elektrische GLC soll künftig nach Bedarf in Bremen oder Kecskemét vom Band laufen. Für die Bremer Belegschaft ist das eine zweischneidige Nachricht: Flexibilität in beide Richtungen bedeutet auch Verlagerbarkeit. Die kompaktere G-Klasse wird ab 2027 ausschließlich in Ungarn gefertigt.

Mercedes-Benz C-Klasse
Schweißroboter beim Karosseriebau

Fabrik als digitaler Zwilling

Die digitale Basis nennt Mercedes MO360. Damit werden Produktions-, Qualitäts- und Lieferkettendaten standortübergreifend vernetzt. In Kecskemét hat Mercedes erstmals eine komplette Montagehalle im Nvidia-Omniverse als Digital Factory Twin abgebildet. Alle Anlagen laufen im digitalen Raum, Produktionsschritte lassen sich simulieren und Prozessabläufe über die gesamte Fertigung der elektrischen C-Klasse nachverfolgen. Der Nutzen liegt in kürzeren Produktionsanläufen und geringerem Risiko bei der Integration neuer Modelle. Das MO360 Vision System übernimmt eine kamerabasierte Qualitätskontrolle und erkennt alle Abweichungen vom Soll in Echtzeit.

Die Sonne liefert ein Viertel des Energiebedarfs

Auf 240.000 Quadratmetern westlich des Werks steht ein Freiflächen-Solarpark mit 27,4 MWp. Zusammen mit den Dachanlagen auf Batteriemontage, Rohbau und Montagehallen kommt der Standort auf eine Peak-Leistung von 42,3 MWp. Damit deckt Mercedes rund 25 Prozent des jährlichen Energiebedarfs mit der Sonne. Die neue Lackiererei senkt den Energieverbrauch gegenüber der bestehenden Anlage um etwa 20 Prozent und die CO₂-Emissionen um rund 80 Prozent. Bemerkenswert ist die Differenz der beiden Werte: Der große Sprung bei den Emissionen stammt nicht aus der Effizienz der Anlage, sondern aus dem Strombezug. Drei Viertel der Energie kauft das Werk weiterhin zu, und Ungarns Netzmix hängt maßgeblich am Kernkraftwerk Paks und an Erdgas.

Mercedes-Benz Werk in Kesckemét
Mercedes-Benz Werk im ungarischen Kecskemét

Größter Arbeitgeber

Mit der Werkserweiterung in Kecskemét erhöhen wir die Resilienz und Flexibilität unseres globalen Produktionsnetzwerks. Der Standort definiert die Zukunft unserer Fertigung: intelligent, vernetzt, digital und konsequent auf Effizienz, Qualität und Nachhaltigkeit ausgerichtet. So können wir Modelle wie den GLB und die neue elektrische C-Klasse wettbewerbsfähig produzieren und stärken gleichzeitig den gesamten Produktionsverbund„, sagt Michael Schiebe, Mitglied des Vorstands der Mercedes-Benz Group AG, Produktion, Qualität und Supply Chain Management. Mit mehr als 5.000 Mitarbeitern ist das Werk der größte Arbeitgeber der Region.

Enorme Kostenvorteile

Für mehr Wettbewerbsfähigkeit muss Mercedes-Benz zu geringeren Kosten produzieren. Das Unternehmen will den Anteil der Fertigung in europäischen Niedriglohnländern von 15 auf 30 Prozent verdoppeln, während die maximal mögliche Produktion in Deutschland auf etwa 900.000 Fahrzeuge sinkt. Global kürzt der Konzern die Kapazität bis 2028 auf 2,2 Millionen Einheiten, 2024 waren es noch 2,5 Millionen. Kecskemét ist derzeit das einzige Mercedes-Werk, das wächst.

Mercedes-Benz C-Klasse
Péter Magyar, Ministerpräsident von Ungarn und Ola Källenius, Vorsitzender des Vorstands der Mercedes Benz Group AG laufen gemeinsam durch das Werk in Kecskemét

Ungarn als Teil der EU bietet große Vorteile beim zollfreien Warenverkehr. Gleichzeitig ist das Lohnniveau bis zu 70 Prozent niedriger als in Deutschland. Im produzierenden Gewerbe liegt der Stundenlohn in Deutschland durchschnittlich bei 45,00 Euro. In Ungarn sind es 15,20 Euro pro Stunde. Hinzu kommen Vorteile bei der Steuer. Die Unternehmenssteuern (Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer, Solidaritätszuschlag) in Deutschland summieren sich oft auf rund 30 Prozent. In Ungarn liegt die Körperschaftsteuer bei lediglich 9 Prozent. Zudem sind die Lohnnebenkosten für Unternehmen in den letzten Jahren gesunken.

Autozentrum Ungarn

Die Standortvorteile nutzen auch Wettbewerber. BMW hat gut zwei Milliarden Euro in sein Elektrowerk in Debrecen investiert, Audi fertigte 2025 in Györ rund 200.000 Fahrzeuge und fast 1,6 Millionen Antriebe. Damit ist das Audi-Werk das größte Motorenwerk der Welt. Auch BYD hat sich für sein erstes Werk in Europa für einen ungarischen Standort entschieden. Der Hochlauf in Szeged, u.a. für den BYD Dolphin, ist für 2027 vorgesehen. Auch Zell-Spezialist CATL fertigt in Debrecen. Mit der Autoindustrie hat sich auch ein stabiles Netzwerk an Zuliefer-Unternehmen in Ungarn etabliert. Die Lage des Landes mitten im europäischen Kontinent mit guten Verkehrswegen in alle Himmelsrichtungen hilft beim Vertrieb.

Fazit

Mercedes betont zum Start vor allem technologische Vorteile im neuen Werk: Digitaler Zwilling, KI-Qualitätsprüfung und Photovoltaik. Doch erklären diese Punkte nicht, warum ausgerechnet das wichtigste Volumenmodell des Konzerns 1.000 Kilometer von Stuttgart entfernt anläuft.

Der Grund steht in der Bilanz, nicht im Lastenheft. Mit über 5.000 Beschäftigten und einem exklusiven Fertigungsauftrag ist Kecskemét dauerhaft im Produktionsnetz verankert. Vermutlich wird auch noch die kleinere G-Klasse hier vom Band laufen. Für die deutschen Werke bleibt die Rolle des flexiblen Partners. Wie flexibel, entscheidet die Auslastung.

Doch zeigt die Eröffnung eindeutig: Autofertigung in Deutschland hat eine wackelige Zukunft. Volkswagen geht mit seinen kommenden E-Autos nach Spanien und Portugal. BWM, Audi und Mercedes-Benz wählen Ungarn. Man mag gar nicht glauben, dass sich noch ein chinesischer Autohersteller für einen Standort in Deutschland begeistern kann.

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Dirk Kunde

Elektroautos, Brennstoffzellen, stationäre Speicherbatterien, V2G, Ladeinfrastruktur, autonomes Fahren – die spannendsten Entwicklungen passieren im Bereich Mobilität. Darum geht es in meinen Artikeln und Videos. Als Journalist bin ich stets auf der Suche nach neuen Ideen für Mobilität von Morgen.

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