Volkswagen Zukunftsplan: Halb so viele Modelle, Produktion auf neun Millionen Fahrzeuge reduzieren

VW ID.7 in Emden

Der Volkswagen-Konzern kürzt radikal. Aber um es vorwegzunehmen, im Zukunftsplan werden keine Zahl für wegfallende Arbeitsplätze oder zu schließende Werke gennant. Der Vorstand stellt dem Aufsichtsrat einen Zukunftsplan mit zwölf Initiativen vor, der die Modellpalette schrittweise um bis zu 50 Prozent strafft und die Produktionskapazität auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr begrenzt. Doch der Aufsichtsrat ist skeptisch und lehnt die Pläne von Oliver Blume im ersten Entwurf ab.

Hinter der wohlklingenden Vokabel Transformation steht ein Schrumpfprogramm, das der Konzern selbst mit Zöllen, Regulierung und dem wachsenden Wettbewerbsdruck vor allem aus China begründet. Der Blick auf die Zahlen zeigt, warum: Das operative Ergebnis bricht 2025 von 19,1 auf 8,9 Milliarden Euro ein.

Konflikt eskaliert

Die Ablehnung von Blumes Zukunftsplan im Aufsichtsrat lässt nichts Gutes erahnen. Natürlich sind das Land Niedersachen und die Arbeitnehmervertretung gegen Entlassungen und Werksschließungen. Manche Medien berichten, Blume sei mit seinen Plänen gescheitert und stehe vor einer Ablösung. Doch das löst nicht das Dilemma der Überkapazitäten und Absatzprobleme. Bereits 2021 hat der damalige VW-Chef Herbert Diess einen Abbau von rund 30.000 Arbeitsplätzen ins Spiel gebracht. Unter anderem diese Aussage hat ihn seinen Job gekostet. Jetzt Blume zu ersetzen, verschiebt die notwendige Lösung weiter in die Zukunft.

Zunächst geht es noch um Befindlichkeiten. Die Gewerkschaft bemängelt, dass Blume nach dem Aufsichtsrat zunächst das Top-Management in München über die Vorhaben informiert hat. Ein Termin, bei dem der Vorstandsvorsitzende den Mitarbeitern seine Pläne erläutert, steht noch aus.

Weniger Modelle, weniger Varianten

Kern des Plans ist die Konzentration des Fahrzeugangebots. Die Modellpalette schrumpft um bis zu die Hälfte und fokussiert sich auf die nach Konzernlesart attraktivsten Marktsegmente. Die Angebotskomplexität, etwa die Zahl möglicher Ausstattungsoptionen, sinkt um bis zu 75 Prozent. Welche Baureihen und Marken es trifft, lässt die Mitteilung offen. Konzernchef Oliver Blume formuliert stattdessen das Ziel: „Bis 2030 machen wir die Volkswagen Group zum attraktivsten Automobilunternehmen der Welt – mit ikonischen Marken, begeisternden Produkten, führenden Technologien, robusten finanziellen Ergebnissen, verlässlicher Performance am Kapitalmarkt und gelebtem Teamgeist. Mit unserem Zukunftsplan gehen wir in die nächste Phase der Transformation.

Kapazität sinkt auf neun Millionen Einheiten

Beim Produktionsnetz vollzieht der Konzern den Abschied von alten Wachstumsannahmen. Vor Corona war Volkswagen auf rund zwölf Millionen Fahrzeuge pro Jahr ausgelegt, zwei Millionen Einheiten sind bereits abgebaut. Nun folgt die nächste Million, weitere Schritte kündigt der Konzern für China und Europa an. Was das für einzelne Werke und Beschäftigte bedeutet, bleibt allerdings unerwähnt. Parallel sollen Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Shared Services die Entwicklung und die indirekten Bereiche effizienter machen, schlankere Führungsstrukturen sollen Entscheidungen beschleunigen. Finanzvorstand Arno Antlitz begründet die Verschärfung offen: „Trotz der erzielten Fortschritte reichen im aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Umfeld die bislang geplanten Kostensenkungen aus den vereinbarten Programmen nicht aus.

Zwei Technikwelten für Ost und West

Bemerkenswert ist die technologische Weichenstellung. Plattformen, Elektronikarchitekturen und Softwarelandschaften werden künftig auf die Anforderungen der westlichen und der östlichen Hemisphäre jeweils getrennt harmonisiert. Volkswagen zieht damit die Konsequenz aus der Erkenntnis, dass sich der chinesische Markt mit seinen Softwarezyklen und Kostenstrukturen nicht mehr mit europäischer Konzerntechnik bedienen lässt. Die Neuausrichtung des China-Geschäfts mit lokalen Partnern wie Xpeng läuft bereits, im ersten Quartal 2026 startet der Konzern nach eigenen Angaben als Marktführer in China. In Europa erreicht die Gruppe 2025 bei Elektrofahrzeugen erstmals einen höheren Marktanteil als bei Verbrennern.

Beteiligungen auf dem Prüfstand

Auch das Portfolio wird sortiert. Beteiligungen und Investitionen misst der Konzern künftig an strategischem Beitrag, Rendite und Kapitalbindung. Den Auftakt macht der Ende Juni vereinbarte Verkauf der Mehrheit an Motorbauer Everllence, der früheren MAN Energy Solutions, mit einem Mittelzufluss von rund 7,4 Milliarden Euro. Das Geld verschafft Spielraum, den der Konzern angesichts stagnierender Umsätze von 321,9 Milliarden Euro und halbierter operativer Marge dringend benötigt. Weitere mögliche Verkäufe oder Beteiligungsobjekte sind die Design-Tochter Italdesign, das Beratungsunternehmen MHP, die Autovermietung Europcar, die Batterietochter PowerCo und der Mobilitätsanbieter Moia.

Auch möchte Oliver Blume Volkswagen sowie den Bereich Komponente aus dem Konzern lösen und als eigenständige Unternehmen aufstellen. Das erleichtert mögliche Börsengänge als auch Verkäufe. Zudem dürfte die Marke VW als selbständige AG oder GmbH nicht mehr unter der VW-Gesetz und damit die ausgeprägte Form der Arbeitnehmermitbestimmung fallen.

Fazit: Gesundschrumpfen mit offenen Fragen

Der Zukunftsplan ist die überfällige Antwort auf ein strukturelles Problem: Volkswagen ist für einen Weltmarkt gebaut, den es so nicht mehr gibt. Die Konzentration auf neun Millionen Einheiten und zwei Technikwelten folgt der Logik, der auch Konkurrenten wie Stellantis und Ford mit Werksschließungen und Modellkürzungen gehorchen.

Die entscheidenden Fragen beantwortet die Mitteilung jedoch nicht: Welche Modelle fallen weg, welche Standorte sind betroffen, und wie viele der 663.000 Beschäftigten braucht ein um ein Viertel kleinerer Konzern noch? Der Zielkonflikt zwischen „attraktivstem Automobilunternehmen der Welt“ und einem Sparprogramm dieser Größenordnung wird die kommenden Tarifrunden und Aufsichtsratssitzungen prägen. Der Plan ist ambitioniert. Konkret ist er noch nicht.

Bild von Dirk Kunde

Dirk Kunde

Elektroautos, Brennstoffzellen, stationäre Speicherbatterien, V2G, Ladeinfrastruktur, autonomes Fahren – die spannendsten Entwicklungen passieren im Bereich Mobilität. Darum geht es in meinen Artikeln und Videos. Als Journalist bin ich stets auf der Suche nach neuen Ideen für Mobilität von Morgen.

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