Nach der Weltpremiere auf der 6th Street Bridge in Downtown Los Angeles mit reichlich Prominenz von Schauspieler Brad Pitt bis zum Mercedes-Benz Formel 1 Team, kann der elektrische Sportwaren AMG GT in zwei Ausführungen bestellt werden. Die 55er Ausführung startet bei 154.700 Euro und die 63er bei 196.350 Euro.
Was bedeuten die Zahlen 55 und 63?
Die Bezeichnungen 55 und 63 sind bei AMG seit Jahrzehnten gebräuchlich und gehen auf Hubraumangaben zurück: Ein 5,5-Liter- und ein 6,3-Liter-V8 prägten die Nomenklatur. Beim neuen, vollelektrischen GT 4-Türer haben diese Zahlen keinen technischen Bezug mehr zu einem Motor. Sie stehen heute schlicht für Leistungsstufen innerhalb des Modellprogramms. Der 63er ist der stärkere, der 55er der Einstieg.
Der GT 63 leistet in der Spitze 860 kW (1.169 PS) bei einer Dauerleistung von 530 kW und einem maximalen Drehmoment von 2.000 Nm. Der GT 55 kommt auf 600 kW Spitzenleistung und 375 kW Dauerleistung bei maximal 1.800 Nm. Beide Varianten wiegen 2.460 kg und teilen sich dieselbe Batterie mit 106 kWh Nettokapazität.
Die Unterscheidung zwischen Spitzen- und Dauerleistung ist bei Elektrofahrzeugen besonders bedeutsam: Spitzenleistung lässt sich nur kurzzeitig abrufen, etwa beim Vollgassprint. Die Dauerleistung hingegen zeigt, wie viel Kraft das Fahrzeug über längere Strecken konstant bereitstellt. Dass der GT 63 seine 530 kW dauerhaft hält, ist ein erheblicher Wert und spricht für das thermische Management.

Technisches Novum Axialflussmotoren
Das Bemerkenswerte am GT 4-Türer ist die Motorentechnologie. AMG setzt auf drei sogenannte Axialflussmotoren – zwei an der Hinterachse, einen vorn. Diese Bauweise unterscheidet sich grundlegend von konventionellen Radialfussmotoren, die in fast allen anderen Elektroautos stecken.
Der magnetische Fluss verläuft bei Axialflussmotoren parallel zur Rotationsachse statt senkrecht dazu. Das ermöglicht eine kompaktere und leichtere Bauform bei hoher Leistungsdichte, also ideal für einen Sportwagen, der Gewicht sparen muss. Die neue AMG.EA-Plattform soll künftig die technische Grundlage für elektrische Hochleistungsfahrzeuge der Marke bilden.

Laden mit bis zu 600 kW – optional
Die maximale Ladeleistung von 600 kW klingt nach einem neuen Spitzenwert, ist allerdings mit Vorsicht zu lesen. Sie ist nicht serienmäßig. Erst das AMG Performance Lade-Paket für 2.380 Euro bietet bis zu 600 kW Ladeleistung und zusätzliche Kühlelemente für den Antriebsstrang. Wer ohne dieses Paket kauft, lädt langsamer. Mit dem Paket sollen in zehn Minuten über 460 Kilometer Reichweite nachladbar sein, der Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent soll elf Minuten dauern. In der deutschen Ladeinfrastruktur sind HPC-Lader mit 600 kW Leistung noch die Ausnahme. Von daher wird sich das Performance-Paket nur für wenige Kunden lohnen.
Optionspakete
Wer das volle Potenzial ausschöpfen will, greift tief in die Tasche: Das AMG Dynamic Plus Paket kostet 5.295 Euro und beinhaltet das aktive Fahrwerk mit Wankstabilisierung sowie den AMG Race Engineer. Das Driver’s Package für 5.250 Euro hebt die Höchstgeschwindigkeit auf 300 km/h und bringt eine Carbon-Keramik-Bremsanlage. Das Burmester-Soundsystem schlägt mit 4.879 Euro zu Buche. Dazu kommen optionale Carbon-Elemente, Panoramadach, Aerodynamikpakete und verschiedene Sitzausstattungen.

Verbrenner-Gefühl per Software
Im Fahrprogramm AMGFORCE S+ simuliert der GT 4-Türer das Klang- und Fahrgefühl eines V8-Verbrenners – inklusive Zugkraftunterbrechung bei simulierten Schaltvorgängen und einem passenden Display-Design. Das ist zum einen ein Eingeständnis, dass ein erheblicher Teil der bisherigen AMG-Käuferschaft am V8-Erleben hängt. Zum anderen zeigt es, wie weit die Elektroauto-Entwicklung bei der Imitation von Verbrenner-Emotionen inzwischen ist.
Gefertigt wird der elektrische AMG GT 4-Türer in Sindelfingen, während die Axialflussmotoren in Berlin-Marienfelde entstehen.

Wo ordnet sich der AMG GT im Konkurrenz-Umfeld ein?
Der direkte Wettbewerb ist heterogener als erwartet, nicht alle Fahrzeuge in dieser Klasse sind vollelektrisch.
Ferrari Luce – der direkte Rivale, doppelt so teuer
Das interessanteste Gegenüber ist der elektrische Ferrari Luce, der ebenfalls Ende Mai 2026 enthüllt wurde. Er startet bei 550.000 Euro – mehr als das Doppelte des AMG GT 63. Der Sportwagen leistet 1.050 PS aus vier Elektromotoren, beschleunigt in 2,5 Sekunden auf 100 km/h und bietet fünf Sitzplätze. Die Batterie fasst 122 kWh, die Ladeleistung liegt bei bis zu 350 kW. Beim Laden ist der AMG also klar im Vorteil: 600 kW gegen 350 kW. Ferrari setzt beim Luce auf ein anderes Konzept als AMG: Statt künstlicher Motorsounds nutzt der Luce einen Beschleunigungsmesser, der echte Vibrationen der Elektromotoren aufnimmt, gefiltert und verstärkt, ein Algorithmus entscheidet, welche Frequenzen musikalisch wirken.
Audi Nuvolari – Hybrid statt rein elektrisch
Wer nach einem elektrischen Audi-Rivalen sucht, wird nicht fündig. Audi hat den Nuvolari als 1.001-PS-Hybridfahrzeug mit einem 4,0-Liter-V8-Biturbo und drei Elektromotoren vorgestellt. Der Nuvolari kostet 600.000 Euro in Deutschland, ist auf 499 Einheiten limitiert und soll ab der ersten Jahreshälfte 2027 ausgeliefert werden. Technisch interessant: Auch der Nuvolari nutzt Axialflussmotoren – dieselbe Technologie, die AMG im GT 4-Türer einsetzt. Dass beide Hersteller unabhängig auf diese Bauform setzen, unterstreicht, wie sehr Axialflussmotoren gerade zum Standard für Hochleistungsanwendungen werden.
Porsche Taycan Turbo GT – der nüchternste Vergleich
Das unmittelbare Konkurrenzprodukt zum AMG GT 55 bleibt der Porsche Taycan Turbo GT. In der stärksten Konfiguration mit Weissach-Paket leistet er 1.019 PS, erreicht 100 km/h in 1,9 Sekunden und kostet in Deutschland knapp unter 200.000 Euro – liegt also preislich in ähnlichem Territorium wie der AMG GT 63. Beim Sprint ist der Taycan sogar eine Winzigkeit schneller als der AMG GT 63 (2,1 Sekunden).
Rimac Nevera R – eine andere Welt
Wer wirklich maximale Beschleunigung will, schaut zu Rimac. Der Nevera R leistet 2.107 PS und erreicht 100 km/h in 1,74 Sekunden. Er kostet rund 2,5 Millionen US-Dollar, und Rimac baut nur 40 Exemplare. Das ist keine direkte Konkurrenz zum AMG, sondern eine andere Produktkategorie.

Fazit:
Der AMG GT 63 für 196.350 Euro ist in dieser Klasse das mit Abstand günstigste Fahrzeug mit vier vollwertigen Türen und mehr als 1.000 PS. Ferrari und Audi verlangen das Drei- bis Vierfache. AMG wagt den Schritt zu einem vollelektrischen Sportwagen, auch wenn man bei Porsche beobachten kann, dass der Taycan in der Käufergunst aktuell stark leidet. Die Käufer von Sportwagen zeigen bei E-Autos noch Berührungsängste. Die müssen erst noch miteinander warm werden.
Dabei haben die AMG-Ingenieure viel getan. Mit bis zu 600 kW Ladeleistung und Axialflussmotoren drehen sie das Rad in dieser Fahrzeugkategorie ein ganzes Stück weiter. Hut ab.
Über Design kann man nicht streiten. Es gibt viele Stimmen, die den AMG GT nicht ansprechend finden. Vielleicht braucht auch das etwas Zeit und man muss sich erst an den AMG GT gewöhnen. Auf der nach oben offenen Empörungsskala führt nach wie vor der Ferrari Luce.