Ferrari Luce: Das erste E-Auto aus Maranello

Ferrari Luce

Ferrari wagt den Sprung in die elektrische Zukunft und enthüllt mit dem Luce sein erstes E-Auto. Den viertürigen Sportwagen enthüllte der Hersteller in Rom, da hier vor 79 Jahren der Ferrari 125 S am Pfingstmontag erstmalig den Gran Premio di Roma gewann.

Der Luce (Licht) soll nicht nur technologischer Meilenstein für die Marke werden, sondern auch die komplette Neuausrichtung in Design und Architektur symbolisieren. Eingefleischte Ferrari-Fans werden aufschreien. Mit einer Gesamtleistung von 1.050 PS der vier Elektromotoren kann man Rennsport-Fans vielleicht noch begeistern, doch die Form dürfte Meinungen spalten. Hier waren nicht nur klassische Autodesigner am Werk. Neben dem Team um Flavio Manzoni hat man sich Hilfe bei Love Form geholt. Das ist das Unternehmen von Jony Ive, dem ehemaligen Apple-Designer.

Ein Ferrari mit fünf Sitzen

Das Ergebnis ist eine radikal neue Formensprache, die auf Klarheit und Reduktion setzt. Ein zentrales Merkmal ist das durchgehende Glashaus, eine schalenartige Form, die sich über die Karosserie erstreckt. Scheinbar schwebende aerodynamische Flügel an Front und Heck kanalisieren den Luftstrom und ermöglichen eine puristische Silhouette.

Die elektrische Architektur schafft Platz für vier Türen und – erstmals bei Ferrari – fünf Sitze. „Mit dem Ferrari Luce definieren wir einmal mehr die Grenzen des Möglichen neu. Heute enthüllen wir nicht einfach nur ein neues Auto, wir eröffnen ein Kapitel, das unsere Vision in die Realität umsetzt und die Tradition von Ferrari stärkt, die Zukunft vorauszusehen und zu gestalten“, sagt John Elkann, Präsident von Ferrari.

Ferrari Luce Rückank

772 kW Systemleistung

Das Herzstück des Luce ist sein Antriebsstrang. Vier Permanentmagnet-Synchronmotoren, einer pro Rad, erzeugen eine Systemleistung von 772 kW (1.050 PS). Die Motoren stammen aus der Entwicklung des F80 und erreichen Drehzahlen von bis zu 30.000 U/min an der Vorder- und 25.500 U/min an der Hinterachse. Das gesamte System basiert auf einer 800-Volt-Architektur, die hohe Lade- und Dauerleistungen ermöglicht.

Diese Konfiguration erlaubt ein präzises Torque Vectoring an beiden Achsen, das in Echtzeit auf die Fahrsituation reagiert. Die Beschleunigungswerte liegen auf Hypercar-Niveau: Von 0 auf 100 km/h vergehen 2,5 Sekunden, die 200-km/h-Marke fällt nach 6,8 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei über 310 km/h. „Wir sind davon überzeugt, dass ein Unternehmen seine Führungsrolle dann beweist, wenn es den Mut hat, Neues zu wagen und sich der Herausforderung neuer Technologien zu stellen. Der Ferrari Luce ist genau aus dieser Herausforderung entstanden und bietet unsere beispiellose Vision der Elektrifizierung“, sagt Benedetto Vigna, CEO von Ferrari.

Strukturelle Integration: Batterie als tragendes Element

Ferrari integriert den 122-kWh-Akku nicht nur als Energiespeicher, sondern als zentrales Strukturelement des Chassis. Das Batteriegehäuse ist direkt in den Unterboden integriert und trägt maßgeblich zur Fahrzeugsteifigkeit bei: Die Biegesteifigkeit erhöht sich um über 25 Prozent, die Torsionssteifigkeit um 35 Prozent im Vergleich zu früheren viertürigen Modellen. Dieser Ansatz senkt den Fahrzeugschwerpunkt und optimiert die Gewichtsverteilung von 47 vorne zu 53 Prozent hinten. Trotz der massiven Batterie und der luxuriösen Ausstattung liegt das Leergewicht bei 2.260 Kilogramm – ein Wert, der die Grenzen der Fahrdynamik neu auslotet, auch wenn der niedrige Schwerpunkt vieles kompensiert. Die Reichweite soll bei über 530 Kilometern liegen.

Ferrari Luce Cockpit

Fahrdynamik neu definiert: Die Vehicle Control Unit

Die Steuerung der Systeme übernimmt eine neue, zentrale Steuereinheit. Die Vehicle Control Unit (VCU) integriert erstmals Antrieb und Fahrdynamik und aktualisiert ihre Ziele 200 Mal pro Sekunde. Sie koordiniert das Zusammenspiel der vier Motoren mit dem Fahrdynamiksystem Side Slip Control X (SSC X) und der aktiven Federung. Das von Ferrari als FLOW (Ferrari Lateral Optimisation Wheeltorque) bezeichnete Torque-Vectoring-System steuert die Drehmomentverteilung an beiden Achsen, um sowohl die Traktion am Kurvenausgang zu maximieren als auch Unter- und Übersteuern präzise zu kontrollieren. Über das bekannte Manettino sowie ein neues e-Manettino kann der Fahrer die Charakteristik des Fahrzeugs von effizient bis zur maximalen Performance anpassen.

Drei Fahrmodi unterteilen die Energieabgabe:

  • Range: Der Fokus liegt bei maximaler Reichweite. Die vorderen Motoren sind entkoppelt, die Leistung ist auf 320 kW / 435 PS begrenzt. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 260 km/h.
  • Tour: Standardmodus für den Alltag. Die Leistung geht bis 460 kW/ 625 PS. Die Höchstgeschwindigkeit liegt ebenfalls bei 260 km/h.
  • Performance: Hier gibt es die volle Kraft: 725 kW / 987 PS. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 310 km/h. Ein kurzzeitiger Boost erhöht die Leistung auf 772 kW / 1.050 PS. In diesem Modus beschleunigt der Luce in 2,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h.

Ferraris Antwort auf den E-Sound

Einer der emotionalsten Aspekte eines Ferrari ist der Klang. Für den Luce wählt das Unternehmen einen authentischen Ansatz und verzichtet auf synthetisch erzeugte Geräusche. Stattdessen erfasst ein Präzisionsbeschleuniger an der Hinterachse die mechanischen Vibrationen und die dynamische Textur der rotierenden Antriebskomponenten. Ein patentiertes System filtert, entzerrt und verstärkt dieses Signal, ähnlich wie bei einer E-Gitarre. Der Klang wird nur dann verstärkt, wenn er für das Fahrerlebnis funktional ist. Das Ergebnis ist ein authentisches, mechanisches Klangbild, das direkt an die Leistungsabgabe gekoppelt ist und sich von den artifiziellen Soundkulissen vieler Wettbewerber abhebt.

Analoge Haptik trifft Digitalisierung

Bedienelement im Luce von Ferrari

Auch im Cockpit verbindet Ferrari traditionelle und moderne Elemente. Präzise gefertigte mechanische Knöpfe, Schalter und Drehregler werden mit multifunktionalen Digitalanzeigen kombiniert, die in Zusammenarbeit mit Samsung Display entwickelt wurden. Eine Besonderheit ist das Torque Shift Engagement-System: Über die Lenkradpaddles kann der Fahrer nicht Gänge, sondern Leistungs- und Rekuperationsstufen steuern. Die rechte Wippe erhöht schrittweise das verfügbare Drehmoment, während die linke Wippe die Energierückgewinnung intensiviert. Dieser Ansatz soll die sonst oft lineare und abrupte Beschleunigung von E-Autos in eine progressive, vom Fahrer kontrollierte Kraftentfaltung verwandeln und so für ein interaktives Fahrerlebnis sorgen.

Die Luce startet in Europa ab 550.000 Euro. Auslieferungen sollen im vierten Quartal 2026 beginnen. In den USA kommt das Fahrzeug im zweiten Quartal 2027 auf den Markt. Produziert wird es im eigens dafür gebauten E-Building in Maranello.

Fazit: Mutiger Neustart

Elektrische Sportwagen sind schwer. Porsche kann ein Lied davon singen. Der Taycan war zu Beginn ein großer Erfolg, doch nun sacken die Verkaufszahlen ab.

Eingefleischte Sportwagen-Fans wollen das Röhren der Motoren, künstlicher Klang ist kein Ersatz. Dabei beschleunigt ein E-Motor deutlich schneller als die Vorgänger. Doch etlichen Modellen geht nach dem x-ten Kavalierstart die (Batterie-)Puste aus. Zudem ist ein elektrischer Sportwagen kein Sammlerstück. Es fällt mir schwer zu glauben, dass die Autos im Wert steigen.

Der Ferrari Luce ist ein mutiger Schritt von Ferrari. Mit seiner Antriebsarchitektur, dem integrierten Chassis-Konzept und dem mechanischen Soundsystem demonstriert Maranello den Anspruch, auch im Elektrozeitalter die Führungsrolle im Sportwagensegment zu beanspruchen.

Die Leistungsdaten (und der Preis) positionieren den Luce direkt im Hypercar-Segment. Die größte Herausforderung bleibt das hohe Leergewicht von 2.260 Kilogramm. Auch wenn fortschrittliche Regelsysteme und ein extrem niedriger Schwerpunkt die Physik bis zu einem gewissen Grad überlisten können, wird sich der Luce im direkten Vergleich mit leichteren Verbrennern und spezialisierten E-Sportwagen wie dem Rimac Nevera beweisen müssen.

Bild von Dirk Kunde

Dirk Kunde

Elektroautos, Brennstoffzellen, stationäre Speicherbatterien, V2G, Ladeinfrastruktur, autonomes Fahren – die spannendsten Entwicklungen passieren im Bereich Mobilität. Darum geht es in meinen Artikeln und Videos. Als Journalist bin ich stets auf der Suche nach neuen Ideen für Mobilität von Morgen.

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