Bekommt Jaguar Land Rover die Kurve?

Land Rover und Jaguar JLR

Jaguar will mit seiner „Reimagine“-Strategie bis 2025 eine reine E-Automarke werden. Die übrigen Marken der Jaguar Land Rover-Gruppe (JLR) sollen bis 2030 folgen. Ehrgeizige Pläne, denn als einziges E-Auto gibt es bislang den Jaguar I-Pace.

Nun nennt die britische Automarke erste Details: 15 Milliarden Pfund wolle man in den kommenden fünf Jahren in den Umbau zur elektrifizierten Luxusmarke investieren. Das Werk in Halewood werde zu einer reinen elektrischen Produktionsstätte umgebaut. Den ersten vollelektrischen Range Rover soll man noch im Laufe des Jahres bestellen können und dann 2025 in Empfang nehmen. Das erste von vier neuen Jaguar-Modellen wird 2024 ein viertüriger Grand Turismo mit bis zu 700 km Reichweite und einem Preisschild ab 100.000 Pfund werden. Der GT werde auf der neuen JEA-Plattform gebaut.

Eigene E-Auto Plattform?

Hier beginnt das Durcheinander, das zu meiner Frage in der Überschrift führt. Der nächste Jaguar sitzt also auf einer JEA-Plattform (vermutlich: Jaguar Electric Architecture). Die kommenden Midsize-SUVs von Range Rover sitzen auf der elektrifizierten modularen Architektur, EMA. Der Hersteller hält aber auch an der flexiblen modularen Längsarchitektur (MLA) fest. Darauf basieren beispielsweise Range Rover und Range Rover Sport. Mit der MLA kann man Verbrennungsmotoren, Hybrid- und Elektroantriebe fertigen. Hier will sich der Hersteller also noch alles offen halten. Um sich den „verschiedenen Märkte weltweit anzupassen, die sich mit unterschiedlichem Tempo in Richtung Netto-Null-Emissionsziel bewegen“, wie es in der Pressemitteilung heißt. Drei Plattformen für vier Marken (Jaguar, Range Rover, Defender, Discovery). Wie eine Konsolidierung in Richtung Elektromobilität, die Skaleneffekte ermöglicht, sieht das für mich nicht aus.

Wer hat die Führung?

Der ehemalige CEO, Thierry Bolloré, zog Anfang 2021 die Reißleine für einen geplanten elektrischen Jaguar XJ, der wiederum auf einer eigenen Plattform fußte. Bolloré wollte eine E-Auto-Plattform mit dem schönen Namen Panthera entwickeln. Doch der ehemalige Renault-Chef blieb nur zwei Jahre bei den Briten. Ende 2002 war Schluß für ihn. Auf den Franzosen folgte der bisherige Finanzchef Adrian Mardell. „JLR tritt als modernes Luxusunternehmen in eine aufregende neue Elektro-Ära ein: Mit dem Range Rover als Inbegriff eines Luxus-SUV, der noch in diesem Jahr als rein elektrische Variante vorbestellt werden kann, und mit dem ersten von drei atemberaubenden elektrischen, völlig neu konzipierten Jaguar Modellen, die 2025 auf den Markt kommen“, sagt CEO Mardell. Ob er den Marktstart als Chef miterleben wird, ist fraglich. Noch immer steht das Wort „Interim“ vor seinem Jobtitel im LinkedIn-Profil. Fest im Sattel sitzt er also auch nicht. Der Deutsche, Ralf Speth, leitete dagegen zehn Jahre lang (2010 – 2020) die Geschicke der britischen Markten als CEO, bevor er in den Aufsichtsrat des indischen Mutterkonzerns Tata wechselte.

Wie zufrieden ist Tata Motors?

Tata Motors gehören 100 Prozent der JLR-Gruppe. Hier kollidieren Welten, nicht nur aufgrund der geografischen und kulturellen Entfernung zwischen Indien und Großbritannien. Die Inder bauen bezahlbare Pkw für ein wirtschaftlich stark wachsendes Land. Dabei haben sie ebenfalls die Elektromobilität im Blick. Doch Luxusautos wie sie Jaguar und Range Rover verkaufen, sind für Tata eine andere Welt.

Fraglich ist auch wie die Machtverhältnisse innerhalb des Konzerns gelebt werden. Indien erklärte sich 1947 unabhängig vom britischen Königreich, ist aber heute noch Teil des Commonwealth of Nations. Nun haben die ehemaligen Kolonialisten das Sagen im britischsten aller Unternehmen (die königliche Familie fährt Range Rover). Die Inder machen jetzt die Ansagen, beispielsweise welche Software verwendet wird. So kommt das Programm für Fertigung, Logistik, Lieferketten, Finanzen und Einkauf (ERP) inzwischen von Tata Technologies. „In einer ersten Phase wird die Kooperation auf die wichtigsten Produktionsstätten im Vereinigten Königreich ausgerollt, anschließend auch auf die anderen Jaguar Land Rover Standorte weltweit“, heißt es in der Pressemitteilung. JLR litt besonders stark unter der Chipkrise sowie den Unterbrechungen der Lieferketten. Corona ist ein Grund, aber der Brexit dürfte hierbei ebenfalls seinen Anteil haben.

Viel Zeit mit dem I-Pace verloren?

Jaguar gehörte 2018 zu den ersten europäischen Premiumherstellern, die ein reines E-Auto auf den Markt brachten. Der I-Pace war ein mutiger Aufschlag. Doch in meinen diversen Testfahrten stellte sich eins heraus: Das E-Auto geht zu verschwenderisch mit Energie um. Jaguar hat die vergangenen fünf Jahre nicht dazu genutzt, spürbare Verbesserungen beim Antrieb umzusetzen. Es gab Facelifts und Anpassungen der Software, aber etwas Grundlegendes veränderten die Briten an Batterie, E-Motor oder Leistungselektronik beim I-Pace nicht. Das dürfte zu wenig sein, um 2025 eine reine E-Automarke zu werden.

[crp]
Dirk Kunde

Dirk Kunde

Elektroautos, Brennstoffzellen, stationäre Speicherbatterien, V2G, Ladeinfrastruktur, autonomes Fahren – die spannendsten Entwicklungen passieren im Bereich Mobilität. Darum geht es in meinen Artikeln und Videos. Als Journalist bin ich stets auf der Suche nach neuen Ideen für Mobilität von Morgen.

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