Chinas Marktaufsicht SAMR meldet den größten Rückruf in der Geschichte der Autoindustrie. Rund 4,27 Millionen Fahrzeuge sind betroffen, darunter Modelle von Tesla, Xiaomi, Leapmotor, Xpeng, Geely, Chery, Dongfeng, Arcfox und FAW. Der gemeinsame Nenner: Die mechanische Notentriegelungen für die Türen, die sich farblich kaum von der umgebenden Verkleidung abheben und im Ernstfall schwer zu finden sind, schreibt CnEVPost
Ein Konstruktionsfehler, neun Hersteller
Am vergangenen Freitag veröffentlichte die State Administration for Market Regulation (SAMR) die Rückrufpläne von neun Automobilherstellern. Der überwiegende Teil der Fälle betrifft dasselbe Problem: Die mechanische Notentriegelung im Türinneren ist farblich zu nah an der Innenverkleidung gehalten. Insassen finden den Hebel im Ernstfall nicht schnell genug. Bei versenkten Türgriffen tun sich auch Rettungskräfte von außen schwer, beim Ausfall des Niedervolt-Bordnetzes die Fahrzeuginsassen zu befreien. Dann funktionieren die elektrischen Türgriffe nicht und die mechanische Entriegelung wird zur einzigen Option.
Tesla mit Abstand am stärksten betroffen
Tesla meldet zwei separate Rückrufe mit einer Gesamtzahl von 5,7 Millionen Fahrzeugen und ist damit der mit Abstand größte Teilnehmer dieser Rückrufwelle. Der erste Rückruf betrifft 2.975.910 Fahrzeuge wegen der Notentriegelung, darunter 973.156 in China gefertigte Model 3 und 1.956.713 in China gefertigte Model Y. Hinzu kommen importierte Fahrzeuge: 35.590 Model 3, 8.328 Model X und 2.123 Model S.
Der zweite Tesla-Rückruf mit 2.740.642 in China gebauten Model 3 und Model Y hat nichts mit den Türgriffen zu tun. Er betrifft die Aufmerksamkeitsüberwachung des Fahrassistenzsystems. Laut SAMR reicht der bisherige Mechanismus nicht aus, um Fahrer zuverlässig zu warnen, wenn ihr Blick von der Straße abweicht.
Die Rückrufzahlen im Überblick
| Hersteller | Fahrzeuge | Modelle |
| Tesla | 2.975.910 | Model 3, Model Y (Inland), Model 3, Model X, Model S (Import) |
| Xiaomi | 390.435 | SU7 (Baujahr 2024) |
| Leapmotor | 371.200 | C11, C01 |
| Xpeng | 264.842 | P7+, X9 |
| Zeekr | 92.658 | X |
| Chery | 68.488 | iCar 03, Fulwin X3 |
| Dongfeng | 53.452 | Nammi 06, Aeolus L8, eπ007, eπ008 |
| Arcfox | 46.850 | Koala |
| FAW | 11.908 | Tiangong 08 |
Die separate Tesla-Rückrufaktion zur Aufmerksamkeitsüberwachung ist in dieser Tabelle nicht enthalten, da sie ein anderes technisches Problem betrifft.
Tesla löst das Problem mit einem Aufkleber
Tesla behebt den Mangel der mechanischen Türöffnung ohne Rückruf in die Werkstatt. Der Hersteller verschickt Warnaufkleber, die auf die Notentriegelung im Fahrzeug. Fahrzeuge, die bereits über entsprechende Aufkleber verfügen, benötigen keine erneute Anbringung.
Parallel dazu spielt Tesla ein Over-the-Air-Update auf, das die Steuerungssoftware der Fensterheber anpasst. Nach einem Unfall senkt das System die Fensterscheiben automatisch, sodass Insassen und Rettungskräfte Zugriff auf den Innenraum haben, wenn die mechanische Entriegelung nicht rechtzeitig gefunden wird. Diese Strategie erlaubt es Tesla, den größten Rückruf der Firmengeschichte weitgehend über die Software-Schiene abzuwickeln, statt Millionen Fahrzeuge physisch in Werkstätten zu holen.
Auch bei der Aufmerksamkeitsüberwachung setzt Tesla auf ein OTA-Update: Zusätzlich zur bisherigen Lenkradmoment-Erkennung kommt eine Innenraumkamera zum Einsatz, die die Blickrichtung des Fahrers überwacht.
Aufkleber und andere Abdeckungen mit Warnhinweis
Xiaomi ergänzt beim SU7 ebenfalls Warnaufkleber und passt per OTA-Update die Entriegelungslogik der Mittelkonsole sowie die Fensterheber-Strategie an. Chery und Arcfox gehen einen anderen Weg und tauschen die Abdeckungen der Notentriegelung gegen Varianten mit deutlicherer Kennzeichnung aus. Bei Xpeng beschränkt sich die Maßnahme auf zusätzliche Warnaufkleber, ohne Software- oder Hardwareänderung.
Neue Norm beendet Ära der elektronischen Türgriffe
Der Rückruf fällt in eine Phase, in der China die Regulierung von Türgriffen grundsätzlich verschärft. Die verbindliche Norm GB 48001-2026, veröffentlicht im Februar dieses Jahres, tritt für Neufahrzeuge ab dem 1. Januar 2027 in Kraft. Sie schreibt vor, dass jede Fahrzeugtür über einen mechanischen Entriegelungsmechanismus verfügen muss. Rein elektronische, versenkte Türgriffe ohne mechanisches Backup sind damit nicht mehr zulässig.
Für bereits zugelassene Modelle gilt eine Übergangsfrist von zwei Jahren, sie läuft bis Januar 2029. Auslöser für die Regulierung sind mehrere dokumentierte Fälle, in denen sich Türen nach schweren Unfällen nicht mehr öffnen ließen.
Fazit
Der Rückruf zeigt ein branchenweites Muster: Versenkte und rein elektronische Türgriffe gelten bei chinesischen Regulierungsbehörden inzwischen als Sicherheitsrisiko, nicht mehr als Designmerkmal. Tesla profitiert dabei von seiner Software-Architektur, die es erlaubt, einen Rückruf dieser Größenordnung überwiegend per OTA-Update statt über physische Werkstattbesuche abzuwickeln.
Für die Wettbewerber ohne vergleichbar tiefe Software-Integration bleibt oft nur der Griff zum Aufkleber oder zum Hardware-Tausch. Mit GB 48001-2026 dürfte das Kapitel der rein elektronischen Türgriffe in China spätestens 2029 endgültig geschlossen sein.


