Tovion: Der Anhänger mit eigenem E-Antrieb

Tovion E-Anhänger

Ein Anhänger mit eigenem E-Motor, Solardach, Batterie und bidirektionalem Laden – das Start-up Tovion aus Hilden hat sein eTrailer-System erstmals im Realbetrieb präsentiert. Es löst ein Problem: Mangelhafte Reichweite beim E-Auto mit einem Anhänger.

Noch immer gelten Anhänger als Schwachstelle des Elektroautos. Wer einen Caravan, einen Pferdetransporter oder einen Nutzanhänger zieht, bezahlt das mit drastisch erhöhtem Verbrauch und deutlich geschrumpfter Reichweite. Das will Tovion ändern und gibt dem Hänger seinen eigenen E-Antrieb.

Beim E-Cannonball, einer Elektrofahrzeug-Rallye im Rahmen der Formel E in Berlin, zeigte Tovion seinen eTrailer-Prototypen. Über 1.500 Kilometer legte das Team dabei zurück, vorrangig auf Landstraßen. Die Ergebnisse sind bemerkenswert – wenn auch noch mit Vorbehalt zu bewerten.

Selbstregelnd, ohne Eingriff ins Zugfahrzeug

Das Grundprinzip des Tovion-Systems ähnelt den aus dem Schwerlastbereich bekannten angetriebenen Anhängern: Die Radnabenmotoren des Anhängers übernehmen einen Teil der Antriebsarbeit, entlasten damit das Zugfahrzeug und reduzieren dessen Mehrverbrauch. Was Tovion von anderen Konzepten unterscheidet: Das System ist vollständig selbstregelnd und kommt ohne jegliche Kommunikation oder Umrüstung des Zugfahrzeugs aus.

Die Sensorik in der Deichsel misst kontinuierlich die Zug- und Bremskräfte zwischen Anhänger und Zugfahrzeug. Daraus berechnet das Steuergerät in Echtzeit, wieviel elektrische Unterstützung benötigt wird. Wird gebremst, rekuperieren die Motoren – genau wie bei einem Elektroauto. „Die Differenz ergibt sich aus der optimierten Rekuperationsbilanz des Gespannes, ein Aspekt der bei konventionellen Anhängern durch die Auflaufbremse nicht zum Tragen kommt“, erklärt Entwickler Uwe Koenzen.

Aufbau des Tovion-Prototypen

120 kW Spitze, 1.800 Nm – und echte Praxisdaten

Die verbauten Radnabenmotoren stammen von Schaeffler und wurden für den Anhängerbetrieb entwickelt. Die Spitzenleistung liegt bei 120 kW, das maximale Drehmoment bei 1.800 Nm. Damit kann der eTrailer laut Tovion die Mehrbelastung über das gesamte Lastspektrum kompensieren – einschließlich schwerer Anhänger mit hohem Windwiderstand und beim Beschleunigen. Theoretisch ist der Anhänger sogar ohne Zugfahrzeug per Fernsteuerung rangierbar, ähnlich einem Mover.

Die beim E-Cannonball gemessenen Verbrauchswerte geben einen ersten Hinweis auf das Potenzial: Ohne aktiven eTrailer-Antrieb verbrauchte das Gespann 52–55 kWh auf 100 km. Mit aktivem Antrieb sank der Wert auf 32 kWh/100 km – ein Rückgang von rund 40 Prozent. Über die Gesamtstrecke ergab sich ein Mittelwert von 45 kWh/100 km. Als Zugfahrzeug diente ein Maxus eTerron 9, der einzige aktuell in Deutschland erhältliche rein elektrische Pick-up mit der erforderlichen Anhängelast von 3,5 Tonnen.

Radnabenmotoren von Schaeffler

Batterie, Solardach und bidirektionales Laden

Im Unterboden des Anhängers sitzt die Traktionsbatterie: Im Prototypen sind es 50 kWh mit Flüssigkeitskühlung. Grundsätzlich sind zwischen einem und vier 25-kWh-Packs kombinierbar – also 25, 50, 75 oder 100 kWh je nach Anforderung und Zugfahrzeug. Geladen wird über eine CCS-Dose im Heck. Zusätzlich speist eine auf dem Dach montierte Photovoltaik-Anlage Energie ein – beim E-Cannonball unter optimalen Sonnenbedingungen ein spürbarer Faktor.

Das System ist bidirektional ausgelegt: Über eine integrierte 230-Volt-Steckdose oder einen dreiphasigen 400-Volt-Anschluss kann der gespeicherte Strom nach außen abgegeben werden. Optional ist auch Vehicle-to-Grid (V2G) über die CCS-Schnittstelle möglich. Beim E-Cannonball versorgte der Anhänger über Nacht andere Rallye-Teilnehmer mit Strom.

Tovion adressiert damit gleich mehrere Einsatzszenarien: Camping und autarke Freizeit, Baustelle und Handwerk, Marktstände, Foodtrucks und – bei längeren Standzeiten – die Einspeisung ins Heimnetz als mobiler Pufferspeicher.

Tovion E-Anhänger

Prototyp mit Zulassung, Serienreife noch offen

Tovion ist noch kein Serienprodukt. Der präsentierte eTrailer ist ein Prototyp mit Straßenzulassung, der im Realbetrieb erprobt und weiterentwickelt wird. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie im Rahmen des Förderprogramms „eConTrailer“ unterstützt. Konsortialführer ist das Planungsbüro Koenzen.

Die spätere Serienzulassung als „E-Anhänger“ nach EU-Verordnung 2018/858 (Klasse O2) ist in Vorbereitung. Tovion setzt auf B2B-Partnerschaften: Das Antriebssystem soll nicht als eigenständiger Anhänger verkauft werden, sondern Anhängerhersteller das System in ihre Produkte integrieren. Mit Schaeffler laufen nach Informationen des Fachportals electrive bereits Gespräche über die Abnahme von Radnabenmotoren für die Serienfertigung.

Der Ansatz hat Charme – vor allem, weil er keine Hardware-Änderungen am Zugfahrzeug erfordert und damit theoretisch mit jedem Elektroauto kompatibel ist, das die nötige Anhängelast aufweist. Ob der Markt bereit ist, für einen „mitdenkenden“ Anhänger entsprechend zu bezahlen und bei einem Ladestopp zwei Fahrzeuge laden muss, dürfte die entscheidende Frage der nächsten Jahre sein.

Bild von Bernd Troller

Bernd Troller

Auf dem heimischen Dach seinen eigenen Kraftstoff produzieren zu können, ist für Bernd der größte Vorteil der Elektromobilität.

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