Mini Cooper SE: Mitmachen statt vorfahren

Mini Cooper SE von BMW

Bei der Elektrifizierungsstrategie von BMW wird der Mini Cooper SE stets als einer der ersten genannt. Schließlich ist es der zweite batterie-elektrische Wagen nach dem BMW i3. Visionen wie der iNext sind noch lange hin. Jetzt nennt BMW konkrete Werte für den elektrischen Mini und die sind leider nur Mittelmaß. Hier will niemand eine Führungsrolle einnehmen oder gar vorausfahren, wie man es 2013 mit dem i3 getan hat.

Die britische Marke Mini liefert einst wegweisende Impulse für urbane Mobilität. Vor 60 Jahren schuf das revolutionäre Konstruktionsprinzip des Mini Classic die Grundlage für maximalen Innenraum auf minimaler Grundfläche. Derartige innovative Ansätze lässt der elektrische Mini vermissen. Die Münchner setzen mit dem Wagen auf urbane Hipster, die dem Trend der Elektromobilität folgen möchten. Als Innovationsvorbild oder für die Langstrecke taugt der elektrische Mini nicht.

Der Mini Cooper SE ist etwas für kurze Strecken

Mit einem Verbrauch zwischen 15,0 und 13,2 kWh pro 100 km soll das Auto 235 bis 270 Kilometer mit einer Akku-Ladung schaffen. Das ergibt rechnerisch eine Batteriekapazität von etwas über 35 kWh (netto). Erstaunlicherweise gibt BMW die Brutto-Batteriekapazität mit nur 32,6 kWh an. Die Differenz für die angegebene Reichweite liegt entweder am veralteten Testzyklus NEFZ, den BMW hier nutzt, oder man hat bereits Rekuperation, also die Umwandlung von Bewegung in elektrische Energie beim Bremsen eingerechnet. Die kann der Mini-Fahrer in zwei Stufen über einen Kippschalter wählen.

Der Frontmotor leistet 135 kW (184 PS) mit 270 Newtonmeter Drehmoment. „Die innovative Fahrstabilitätsregelung mit aktornaher Radschlupfbegrenzung verhelfen dem neuen Mini Cooper SE zu einer besonders intensiv wahrnehmbaren Ausprägung der unverwechselbaren, als Gokart-Feeling bekannten, Agilität„, schreibt BMW in seiner Mitteilung. Doch für den Sprint aus dem Stand auf 100 km/h benötigt der Kleinwagen 7,3 Sekunden. So mittelsportlich. Tempomäßig ist bei 150 km/h Schluss. Alles in allem ist das ein Wagen für die Stadt.

Mini Cooper SE
Der Ladeanschluss sitzt da, wo sonst die Tankklappe ist.

Lahmes Laden

Auch beim Laden enttäuscht der Mini: Mit der Wallbox in der heimischen Garage bringt er es (dreiphasig) auf 11 Kilowattstunden. Gut, bei der kleinen Batterie ist die in dreieinhalb Stunden komplett voll. Unterwegs an Schnellladesäulen sind maximal 50 kW möglich. Theoretisch ist die Batterie hier nach 40 Minuten voll. VW spendiert seinem etwas größeren ID3 eine Ladeleistung von 125 kW. Damit kann man Kritiker, die Ladepause als zu lang erachten, zum Schweigen bringen. 100 kW beim Schnellladen und 22 kW beim Wechselstrom sind eigentlich inzwischen Standard. Doch derartige Ladegeräte erhöhen den Preis des Fahrzeugs. Noch ein Indiz, das für eine überwiegende Mini-Nutzung in der Stadt spricht: Kurze Fahrstrecken, lange Standzeiten und somit ausreichend Zeit zum Laden.

Umbau im BMW Vorstand

Der Mini Cooper SE wirkt genauso zögerlich wie die NextGen-Präsentation Ende Juni in München. In der BMW-Zentrale präsentierte der Vorstand seine Vision der Zukunft. Bis 2025 will BMW 25 elektrifizierte Modelle im Programm haben. Zwei Jahre früher als geplant. Das war die große Neuigkeit. Dabei geht es in erster Linie um Plug-in-Hybride. Also eine Übergangstechnologie.

Während der Volkswagen-Konzern voll auf elektrisch umschwenkt und bis 2023 insgesamt 30 Milliarden Euro in Elektromobilität investiert, macht man in München kleine Schritte. Unter der Führung von Vorstandschef Harald Krüger ist in Sachen Elektromobilität wenig passiert. Zu wenig. So sehen es wohl auch Aufsichtsrat und Anteilseigner. Offiziell verlängert Krüger im Mai 2020 seinen Vertrag als Vorstandvorsitzender nicht. „Ich möchte mich beruflich neue orientieren„, wird Krüger in der Pressemitteilung zitiert. Man kann davon ausgehen, dass diese Entscheidung nicht ganz freiwillig fiel. Man gibt die oberste Position in einem Unternehmen nicht auf, wenn man 27 Jahre lang bei BMW darauf hingearbeitet hat.

An Englishman in L.A.: Mini Cooper SE

Bei dem NextGen-Event diktierte Entwicklungschef Klaus Fröhlich (59) einem Forbes-Journalisten in die Feder: „Von Kundenseite gibt es keine Nachfrage nach Elektroautos.“ Das saß. Es gäbe Nachfrage von staatlicher Seite bei Elektroautos, so Fröhlich, Elektroautos seien etwas für China und Kalifornien. Ein fatales Signal nach außen.

Fröhlich gilt neben Produktionschef Oliver Zipse als möglicher Nachfolger von Krüger.
Während BMW unter dem Vorstandvorsitzenden Norbert Reithofer (2006 bis 2015) mit dem Projekt i vorpreschte (erstes Elektroauto, Kohlefaser-Karosserie, Werk in Leipzig), erfolgte eine Vollbremsung als die Verkaufszahlen des i3 nicht so ausfielen wie erhofft. Etliche Mitglieder des Projekts i wechselten zu Auto-Start-ups in den USA und China. Nach dem i3 kam nur noch der sportliche i8, der allerdings ein Plug-in-Hybride ist. Mehr kam nicht in Sachen Elektromobilität.

Die Mobilitätsdienste (Drive Now, Charge Now, Park Now) warf BMW mit den Diensten von Daimler in einen Pott . Auch die Zukunft des autonomen Fahrens entwickeln beide Hersteller nun gemeinsam. Dabei hatte BMW erst vor einem Jahr den millionenschweren Autonomous Driving Campus in Unterschleißheim eröffnet. Während man gern in Richtung Tesla stichelt, die alles im Alleingang entwickeln, hakt man sich in Deutschland lieber beim Wettbewerber unter. Doch auf eine Serienerweiterung mit einem vollelektrischen i4, i5 oder i6, der mit Teslas Modellen mithalten kann, warten wir noch.

Mini Cooper SE BMW i3
BMW i3, Elektromotorrad und Mini Cooper SE unterwegs in Los Angeles

Energieeffiziente Wärmepumpe

Zur Serienausstattung des Mini Cooper SE gehört eine Zwei-Zonen-Klimaautomatik mit separater Belüftungs- und Temperaturregelung für Fahrer- und Beifahrerseite. Die Beheizung des Innenraums übernimmt eine Wärmepumpe, die Abwärme aus dem Motor, der Antriebssteuerung und der Hochvoltbatterie sowie aus der Außenluft aufnimmt und der Klimaanlage zuführt. Die Wärmepumpe beansprucht bei hohem Klimakomfort im Winterbetrieb bis zu 75 Prozent weniger Energie als eine konventionelle elektrische Heizung. Zur Steigerung der Reichweite sind die Kühl- beziehungsweise Heizkreisläufe für den Innenraum und die Antriebstechnologie miteinander zu einem Gesamtsystem verbunden. Eine integrierte Steuerung ermöglicht es, unabhängig voneinander mittels Kühlung beziehungsweise Erwärmung eine angenehme Innenraumtemperatur und gleichzeitig eine ideale Betriebstemperatur für die Hochvoltbatterie zu schaffen. Per App „Mini Connected“ kann der Fahrer vor Abfahrt den Wagen kühlen oder aufheizen.

Der Ladeanschluss befindet sich oberhalb des rechten Hinterrads und damit exakt dort, wo beim herkömmlich angetriebenen MINI 3-Türer der Tankstutzen seinen Platz hat. Ist das Fahrzeug an eine Steckdose beziehungsweise Ladestation angeschlossen, lassen sich neben Uhrzeit und Außentemperatur auch die verfügbare Reichweite und der Ladestatus in Prozent ablesen. Außerdem wird der Zeitpunkt angezeigt, zu dem die Hochvoltbatterie vollständig geladen ist, Je nach Situation verändert sich die Farbgebung der Anzeige: von orangefarben während der Initialisierung über gelb im Laufe des Ladevorgangs bis zu grün bei vollständig aufgefrischtem Energievorrat. Die Ladeinformationen lassen sich ebenfalls in der App ablesen. Neben statistischen Auswertungen der Fahrleistung kann man mit der App das Fahrzeug Ver- und Entriegeln sowie die Lichthupe betätigen.

Der Verkaufsstart ist für März 2020 geplant. Die Preise für den Mini Cooper SE starten bei 32.500 Euro.

Mini Cooper SE
Der Mini Cooper SE zeigt stolz seine britische Herkunft
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Dirk Kunde

Elektroautos, Brennstoffzellen, stationäre Speicherbatterien, Schnellladen, autonomes Fahren – die spannendsten Entwicklungen passieren derzeit im Bereich Mobilität. Darum dreht es sich in seinen Artikeln und Videos. Der Journalist ist stets auf der Suche nach neuen Ideen für Mobilität von Morgen.

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