Das Joint Venture von Volkswagen und Rivian, „RV Tech“, hat einen wichtigen Meilenstein erreicht. Nach mehrmonatigen Tests in den USA und Schweden wurde die zonale Architektur für die erste Generation software-definierter Fahrzeuge erfolgreich validiert.
Die Tests mit Fahrzeugen der Marken Volkswagen, Audi und Scout belegen die grundlegende Funktionalität der neuen Elektronik- und Software-Plattform. Damit scheint die Kooperation erste Früchte zu tragen, die für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit des Volkswagen-Konzerns entscheidend sein dürfte.
Härtetest bei Eis und Schnee
Das Testprogramm war zweistufig aufgebaut. Zunächst stimmten die Ingenieure in Phoenix, Arizona, zentrale Softwarefunktionen ab und bereiteten die Prototypen auf die Erprobung in Europa vor. Im schwedischen Arjeplog folgte der Härtetest unter winterlichen Bedingungen. Bei Schnee und Eis prüften die Teams das Zusammenspiel von Hard- und Software. Im Fokus standen dabei fahrkritische Funktionen wie Allradantrieb, Traktionskontrolle sowie allgemeine Fahrleistungen. Auch die Funktionalität von Over-the-Air-Updates (OTA), also Software-Aktualisierungen über eine Mobilfunkverbindung, wurde validiert. Laut Volkswagen belegen die Ergebnisse, dass die Architektur zuverlässig funktioniert.
„Wir beschleunigen in Richtung Zukunft. Mit dem erfolgreichen Abschluss der Wintertests zeigt unser Joint Venture erneut, wie schnell und präzise dort gearbeitet wird“, sagt Oliver Blume, CEO Volkswagen Group.
Zonale Architektur als Fundament für das SDV
Die Basis für die neuen Modelle bildet eine zonale Architektur. Diese bricht mit der traditionellen Struktur, bei der dutzende einzelne Steuergeräte im Fahrzeug verteilt sind. Stattdessen übernehmen wenige, aber leistungsstarke Zentralrechner die Steuerung ganzer Fahrzeugbereiche oder „Zonen“.
Dieser Ansatz vereinfacht die Elektronik- und Elektrik-Architektur (E/E-Architektur) erheblich und ist die Voraussetzung für das software-definierte Fahrzeug (Software-Defined Vehicle, kurz SDV). Bei einem SDV werden Fahrzeugfunktionen primär durch Software statt durch dedizierte Hardware realisiert, was eine hohe Flexibilität und Update-Fähigkeit ermöglicht.
Volkswagen plant, diese Architektur in Elektrofahrzeugen für die westliche Hemisphäre einzusetzen. Für Kunden sollen damit unter anderem hochautomatisierte Fahrfunktionen und erweiterbare Infotainment-Lösungen realisiert werden, die sich über die gesamte Lebensdauer des Fahrzeugs per OTA-Update verbessern lassen. Gezeigt wurde bei den Tests ein Referenzfahrzeug mit der Bezeichnung ID.EVERY1, dessen Karosserie noch nichts über das spätere Seriendesign aussagt.
Wissenstransfer in den Konzern
Eine entscheidende Herausforderung für etablierte Hersteller bleibt der Aufbau von Software-Kompetenz. Um das Know-how aus dem Joint Venture in den Konzern zu integrieren, startet Volkswagen Pkw im Mai ein Qualifizierungsprogramm. Software-Spezialisten sollen in den RV-Tech-Standorten, unter anderem in Palo Alto, ihr Wissen über die neue Architektur vertiefen. Nach ihrer Rückkehr sollen sie dieses Wissen als Multiplikatoren in die Entwicklungsabteilungen in Wolfsburg tragen. Ziel ist es, markenspezifische Funktionen schneller in die Serienmodelle zu integrieren. Audi und Porsche planen, in Kürze mit ähnlichen Programmen zu folgen.
Fazit
Der erfolgreiche Wintertest ist ein positives Signal für die Software-Strategie des Volkswagen-Konzerns, die in der Vergangenheit mit der hauseigenen Softwareschmiede Cariad erhebliche Schwierigkeiten hatte. Die Kooperation mit Rivian scheint eine pragmatische Lösung zu sein, um technologisch aufzuschließen. Die wahre Herausforderung steht jedoch noch bevor: die reibungslose Integration der neuen Architektur in die Serienproduktion und die Vermeidung von Software-Problemen, wie sie frühere ID-Modelle plagten.
Der angekündigte Wissenstransfer ist dabei ein kritischer, aber notwendiger Schritt. Die Konkurrenz schläft nicht; Tesla gilt hier weiterhin als Benchmark, während Wettbewerber an vergleichbaren zentralisierten Plattformen arbeiten. Der Test in Schweden war ein Meilenstein, aber der Marathon hat für Volkswagen erst begonnen.
