Fiat bringt mit dem Topolino ein vollelektrisches Leichtfahrzeug der Klasse L6e auf den deutschen Markt. Der 2,53 Meter kurze Zweisitzer fährt maximal 45 km/h, kommt mit einer Akkuladung bis zu 75 Kilometer weit und darf bereits mit dem Führerschein der Klasse AM ab 15 Jahren gefahren werden.
Damit zielt Fiat auf Fahranfänger und Stadtbewohner, die eine Alternative zum Motorroller suchen. Der Blick auf die Konkurrenz zeigt allerdings: Der Schweizer Microlino bietet in derselben Klasse deutlich mehr Technik, verlangt dafür aber auch deutlich mehr.
Laden nur an der Steckdose
Der Topolino basiert auf dem Citroën Ami und ist baugleich mit dem Opel Rocks Electric. Der Elektromotor leistet 6 kW (8,2 PS), kurzzeitig stehen 9 kW zur Verfügung. Die Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h erreicht das Fahrzeug in rund zehn Sekunden. Die Lithium-Ionen-Batterie sitzt flach im Fahrzeugboden und speichert 5,4 kWh. Das reicht laut Hersteller für bis zu 75 Kilometer im Stadtverkehr, der Verbrauch liegt zwischen 7 und 8 kWh auf 100 Kilometer.
Geladen wird ausschließlich einphasig mit 2,3 kW an der Haushaltssteckdose. Eine vollständige Ladung dauert knapp vier Stunden. Einen Typ-2-Anschluss oder gar Gleichstromladen bietet Fiat nicht. Für das Nutzungsprofil eines reinen Stadtfahrzeugs ist das vertretbar, öffentliche Ladeinfrastruktur bleibt damit aber ohne Adapter außen vor.

Karosserie und Innenraum: Zwei Varianten, viel Hartplastik
Fiat bietet den Topolino geschlossen sowie als offene Version Dolcevita an. Letztere verzichtet auf feste Türen und setzt stattdessen auf Seile in den Türausschnitten und ein manuell aufrollbares Stoffverdeck. Beide Varianten kommen einheitlich in Mintgrün. Die Anleihen beim historischen Fiat 500 Topolino der Jahre 1936 bis 1955 sind gewollt, das Zubehörprogramm mit Heckbox, Gepäckträgertasche und sogar einer kleinen Dusche für den Strandausflug unterstreicht die Freizeitausrichtung.
Im Innenraum dominiert Hartplastik, die Dachstreben liegen offen. Die zwei versetzt angeordneten Sitze schaffen trotz 1,40 Metern Fahrzeugbreite ausreichend Schulterfreiheit, zwischen ihnen passt ein Koffer. Insgesamt stehen 63 Liter Stauraum zur Verfügung, einen klassischen Kofferraum gibt es nicht. Ein Display für Geschwindigkeit und Reichweite ersetzt das Kombiinstrument, das Smartphone dient über eine Dockingstation als Infotainment.

Sicherheit: Die L6e-Klasse setzt enge Grenzen
Hier liegt das größte Defizit des Konzepts. Als Leichtfahrzeug darf der Topolino ohne Batterie maximal 425 Kilogramm wiegen. Die Konsequenz: Es gibt weder Airbags noch ABS oder ESP, auch Knautschzonen im klassischen Sinn fehlen. Fiat argumentiert mit der höheren passiven Sicherheit gegenüber einem Zweirad. Wer den Topolino aber mit einem Pkw vergleicht, muss die Abstriche kennen. Auch eine Klimaanlage oder elektrische Fensterheber sind nicht lieferbar. Bei den baugleichen Konzernmodellen berichten Nutzer zudem über eindringendes Wasser bei Regen und eine hohe Geräuschkulisse des E-Motors.
Der Microlino kann mehr, kostet aber fast das Doppelte
Der relevanteste Konkurrent kommt aus der Schweiz. Micro Mobility Systems bietet den Microlino Lite in derselben Fahrzeugklasse L6e an: 45 km/h, fahrbar ab 15 Jahren mit AM-Führerschein. Technisch liegt der Isetta-Nachfolger vorn. Die Karosserie ist selbsttragend aus Blech statt Kunststoff, LED-Leuchten und eine Heizung gehören zur Serienausstattung. Die Standardbatterie mit 5,5 kWh schafft bis zu 95 Kilometer nach WMTC, gegen Aufpreis von 2.000 Euro gibt es ein 11-kWh-Paket für rund 200 Kilometer Reichweite.
Das interessanteste Argument des Microlino Lite ist jedoch seine Aufrüstbarkeit: Seit 2026 lässt sich das Fahrzeug in Deutschland für 690 Euro per Software-Update und TÜV-Abnahme auf 90 km/h und die Klasse L7e umstellen, sobald der Halter den B-Führerschein besitzt. Das Fahrzeug wächst also mit dem Fahrer mit. Der Topolino bietet keinen vergleichbaren Pfad, wer schneller fahren will, muss ein neues Fahrzeug kaufen.
Der Preis relativiert den Technikvorsprung allerdings deutlich. Der Microlino Lite startet in Deutschland bei 17.990 Euro, die reguläre 90-km/h-Version (L7e) bei 19.490 Euro. Der Topolino steht mit 9.890 Euro in der Liste, Fiat bewirbt zudem Leasingraten ab 49 Euro im Monat. Für den Preis eines Microlino Lite bekommt der Kunde also fast zwei Topolino.
Sondermodell Topolino Sport mit abnehmbarem Soundsystem
Seit 2025 führt der Topolino das europäische L6e-Segment an, für das zweite Quartal 2026 erwartet Fiat bei den Auftragseingängen ein Plus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und damit einen Bestwert. Diese Dynamik will die Marke mit dem Sondermodell Topolino Sport verlängern. Es zitiert mit Kontraststreifen auf der Karosserie den Fiat 500 Sport aus den 1950er Jahren, technisch bleibt alles beim Alten.
Interessanter ist das Audiokonzept. Gemeinsam mit dem Hersteller Monster hat Fiat ein Stereo-Lautsprechersystem namens Monsterlino entwickelt. Die Boxen koppeln sich per Bluetooth mit dem Smartphone, sitzen magnetisch im Fahrzeug und lassen sich herausnehmen und außerhalb des Autos weiterverwenden. Damit umgeht Fiat elegant das Problem, dass ein Leichtfahrzeug ohne klassisches Infotainment auskommen muss.

Fiat baut ein Ökosystem aus Leichtfahrzeugen
Der Topolino bleibt dabei nicht allein. Der zweite ist der Fiat TRIS, das erste elektrische Dreirad der Marke, das auf Transporte der letzten Meile zielt. Mit der Studie TRIS Dolcevita zeigt Fiat nun eine Variante für den Personentransport im Gastgewerbe und in Urlaubsregionen. Das Design orientiert sich an den offenen Hotel-Shuttles der italienischen Riviera aus den 1960er Jahren, entstanden ist die Studie in Kooperation mit der Kaffeerösterei Caffè Vergnano.
Das dritte Modell ist bislang nur ein Konzept: Der Fiat Multiplina verdoppelt die Passagierkapazität des Topolino auf vier Sitze und rückt als L7e-Fahrzeug mit bis zu 90 km/h und erweiterter Reichweite in genau die Klasse vor, in der heute der reguläre Microlino fährt. Das Design lehnt sich an den Fiat 600 Multipla von 1956 an, die Abmessungen entsprechen dem historischen Fiat 500 von 1957. Sollte der Multiplina in Serie gehen, bekäme der Schweizer Hersteller erstmals direkte Konkurrenz aus dem Stellantis-Konzern oberhalb der 45-km/h-Klasse.

David gegen Goliath
Der Fiat Topolino ist ein konsequent auf den Preis optimiertes Stadtfahrzeug. Wer eine wettergeschützte Alternative zum Roller für Jugendliche oder kurze urbane Wege sucht, bekommt für unter 10.000 Euro ein funktionierendes Gesamtpaket mit Charme, aber ohne jede Sicherheits- und Komfortreserve.
Der Microlino spielt technisch eine Klasse höher: bessere Karosserie, mehr Reichweite, Heizung und ein Upgrade-Pfad auf 90 km/h. Dafür ruft der Schweizer Hersteller Preise auf, die bereits an gebrauchte Kleinwagen heranreichen. Im Segment der Leichtfahrzeuge zeichnet sich damit eine klare Arbeitsteilung ab: Stellantis besetzt mit Topolino, Ami und Rocks Electric das Volumensegment, der Microlino das Premiumsegment der Microcars.
Komfortabel bleibt diese Nische für die Schweizer aber nicht. Mit dem TRIS erschließt Fiat den gewerblichen Lieferverkehr, und der Multiplina zeigt, dass der Konzern die 90-km/h-Klasse des Microlino ins Visier nimmt. Geht das Konzept in Serie, trifft die Preismacht von Stellantis auf einen Nischenanbieter, der seine Fahrzeuge bislang deutlich teurer verkaufen muss. Ob die Kategorie insgesamt trägt, entscheidet sich dennoch weniger an der Technik als an der Frage, ob Städte und Förderpolitik Leichtfahrzeugen künftig mehr Raum geben.







