Eine Studie von HERE Technologies und SBD Automotive beleuchtet den Status der Elektromobilität in Deutschland. Die Ergebnisse zeigen ein widersprüchliches Bild: Während die Bereitschaft der Deutschen, auf ein E-Fahrzeug umzusteigen, weltweit am höchsten ist, landet das Land beim tatsächlichen Reifegrad der Infrastruktur nur im europäischen Mittelfeld. Ein zentrales Problem scheint die öffentliche Wahrnehmung der Ladeinfrastruktur zu sein, die deutlich schlechter ausfällt als die realen Erfahrungen von E-Autofahrern.
Deutschland im europäischen Mittelfeld
Der HERE-SBD EV Index 2026 bewertet die E-Mobilitäts-Landschaft in 30 europäischen Ländern. Deutschland belegt hier gemeinsam mit Österreich den sechsten Platz. An der Spitze stehen erwartungsgemäß Norwegen und die Niederlande, gefolgt von Belgien, Dänemark und Luxemburg. Diese kleineren Märkte punkten mit einer außergewöhnlich hohen Dichte an Ladestationen und einer bereits hohen Durchdringung mit Elektrofahrzeugen. Obwohl Deutschland zu den größten Märkten zählt, reicht das aktuelle Verhältnis von Ladeinfrastruktur zu Fahrzeugdichte noch nicht für eine Spitzenposition.

Weltspitze bei der Kaufabsicht
Im Kontrast zum Mittelfeld-Ranking steht die Absicht der Verbraucher. In keinem anderen der untersuchten Märkte ist die Wechselbereitschaft so ausgeprägt wie in Deutschland. 27 Prozent der befragten Besitzer von Verbrennerfahrzeugen geben an, dass ihr nächstes Auto höchstwahrscheinlich ein Elektrofahrzeug sein wird. Das Interesse wandelt sich also zunehmend in eine konkrete Kaufabsicht. Die Gründe dafür sind pragmatisch: Verbesserungen bei Reichweite und Ladegeschwindigkeit (37 %), steigende Kraftstoffkosten (34 %) sowie eine verlässlichere Ladeinfrastruktur (34 %) überzeugen immer mehr Menschen.

Die Ladeinfrastruktur: Besser als ihr Ruf
Die Studie deckt eine deutliche Diskrepanz zwischen der gefühlten und der tatsächlichen Qualität des Ladenetzes auf. Insgesamt bewerten nur 39 Prozent aller deutschen Befragten die Verfügbarkeit öffentlicher Ladestationen positiv. Fragt man jedoch ausschließlich Besitzer von Elektrofahrzeugen, steigt dieser Wert auf 59 Prozent. Diese Wahrnehmungslücke unterstreicht, dass praktische Erfahrungen das Vertrauen in die Infrastruktur maßgeblich stärken. Faktisch ist das deutsche Ladenetz gut ausgebaut. Mit über 55.000 Schnellladepunkten verfügt Deutschland über die höchste Anzahl in allen untersuchten europäischen Märkten. Auch die gesamte öffentliche Ladeleistung liegt 48 Prozent über dem zweitplatzierten Frankreich. Das wachsende Vertrauen der Nutzer spiegelt sich wider: Fast zwei Drittel (64 %) der deutschen E-Autobesitzer haben noch nie eine Fahrt aus Sorge um die Ladeverfügbarkeit vermieden – ein Spitzenwert in Europa.

Pragmatismus treibt die Wende
Trotz der Fortschritte bleiben bekannte Hürden bestehen. Als größte Bedenken nennen die Deutschen weiterhin die Reichweite (45 %), die Dichte der Ladestationen (40 %) und die hohen Fahrzeugpreise (39 %). Dennoch sinkt die Sorge um die Verfügbarkeit von Ladepunkten im Vergleich zum Vorjahr. Die Kaufentscheidung selbst wird zunehmend von Kostenfaktoren bestimmt. Niedrigere Betriebskosten (41 %), ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis (38 %) und steuerliche Anreize (36 %) sind die wichtigsten Treiber. Der Umweltaspekt folgt mit 37 Prozent.
„Die Zahlen aus Deutschland unterstreichen die kontinuierliche Entwicklung eines der wichtigsten Märkte für Elektrofahrzeuge in Europa“, sagt Robert Fisher, Senior Consulting Manager bei SBD Automotive. „Das Land profitiert von einem ausgereiften Ladeökosystem und wachsendem Vertrauen der Verbraucher:innen, was günstige Bedingungen für den Umstieg auf Elektrofahrzeuge schafft. Zwar gibt es nach wie vor Herausforderungen, insbesondere hinsichtlich der Erschwinglichkeit und Praxiseinschätzungen, doch ist die allgemeine Entwicklung eindeutig positiv.“
„Der deutsche Markt für Elektrofahrzeuge wird zunehmend von Vertrauen geprägt. Autofahrer:innen möchten sicher sein, dass Ladestationen verfügbar, zuverlässig und einfach in ihre täglichen Fahrten integrierbar sind“, sagt Denise Doyle, Chief Product Officer bei HERE Technologies. „Mit zunehmender Verbreitung von Elektrofahrzeugen wird der Zugang zu Echtzeit-Ladeinformationen und Standortdaten immer wichtiger, damit Autofahrer:innen sicher planen, navigieren und aufladen können.“
Fazit: Die nächste Phase der Transformation
Die Studie macht deutlich, dass Deutschland die Aufbauphase der Elektromobilität gemeistert hat. Die Infrastruktur steht, das Vertrauen der Nutzer wächst und die Kaufabsicht ist hoch. Die nächste Herausforderung liegt nun darin, diese hohe Wechselbereitschaft in tatsächliche Verkäufe umzuwandeln. Der Ball liegt bei den Herstellern und Ladeanbietern. Es geht nicht mehr primär um den Bau weiterer Ladesäulen, sondern um attraktive Fahrzeugpreise sowie einfache und verlässliche Ladevorgänge, um die breite Bevölkerung vom Umstieg zu überzeugen.




