Der Markt für elektrische Kleinstwagen im A-Segment ist praktisch leer. Zu hoch die Kosten, zu gering die Margen. Renault stemmt sich gegen diesen Trend und bringt mit dem Twingo E-Tech einen elektrischen Nachfolger der Ikone aus dem Jahr 1992. Mit einem Startpreis von unter 20.000 Euro, einer neuen Batterietechnologie und einem radikal verkürzten Entwicklungsprozess soll der Kleinwagen das Segment neu beleben. Doch der Ansatz hat seinen Preis.
Design und Konzept: Mehr als nur Retro
Renault zitiert beim neuen Twingo E-Tech gezielt das Design des Originals. Die „One-Box“-Karosserie mit kurzer Motorhaube und weit in die Ecken gerückten Rädern erinnert unverkennbar an den Urahn. Details wie die rundlichen LED-Scheinwerfer und die Form der Heckscheibe sind klare Referenzen. Doch hinter der nostalgischen Fassade steckt ein modernes Konzept. Mit 3,79 Metern Länge bleibt der Twingo stadttauglich kompakt, der Radstand von 2,49 Metern sorgt jedoch für einen überraschend geräumigen Innenraum.
Die eigentliche Stärke liegt in der Variabilität. Anders als viele Konkurrenten ist der Twingo ein Fünftürer. Das entscheidende Merkmal ist jedoch die im Verhältnis 50:50 geteilte und um 17 Zentimeter verschiebbare Rücksitzbank. Dieses in allen Versionen serienmäßige Feature ermöglicht wahlweise eine für diese Klasse üppige Kniefreiheit im Fond oder ein Kofferraumvolumen von bis zu 360 Litern. Klappt man zusätzlich die Lehne des Beifahrersitzes um, entsteht eine Ladefläche von zwei Metern Länge. Das sind Werte, die man sonst erst im B-Segment findet.
Antrieb und Batterie: LFP als Kostensenker
Herzstück des Antriebs ist ein Elektromotor mit 60 kW (82 PS), der für ein Fahrzeuggewicht von lediglich 1.200 Kilogramm ausreichend dimensioniert ist. Die Beschleunigung von 0 auf 50 km/h in 3,85 Sekunden unterstreicht den Fokus auf den urbanen Einsatz.
Renault setzt erstmals auf einen Akku mit Lithium-Eisenphosphat-Zellchemie (LFP). Diese Technologie ist günstiger in der Herstellung, da sie auf teure Rohstoffe wie Kobalt und Nickel verzichtet. Die nutzbare Kapazität beträgt 27,5 kWh, was für eine WLTP-Reichweite von bis zu 262 Kilometern genügen soll. Für das typische Pendlerprofil ist das ausreichend, für Langstrecken ist der Twingo E-Tech damit jedoch nur bedingt geeignet.
Bei der Ladeleistung zeigen sich die Kompromisse des günstigen Konzepts. Das Bordladegerät unterstützt Wechselstrom (AC) mit bis zu 11 kW. An einer Schnellladesäule mit Gleichstrom (DC) ist die Ladeleistung auf 50 kW begrenzt. Das Aufladen von 10 auf 80 Prozent dauert damit rund 30 Minuten – ein Wert, der im Wettbewerb zunehmend zum unteren Ende des Spektrums gehört. Immerhin ist eine Vehicle-to-Load-Funktion (V2L) an Bord, mit der externe Geräte mit bis zu 3,7 kW versorgt werden können.
Fahrwerk und Plattform: Bewährte Basis, neu interpretiert
Der Twingo E-Tech basiert auf der RGEV Small Plattform, die auch der kommende Renault 5 und 4 nutzen. Für den Twingo wurde sie jedoch kostenspezifisch angepasst. Während die Vorderachse mit den größeren Modellen identisch ist, kommt an der Hinterachse statt einer Mehrlenker-Konstruktion eine einfachere Verbundlenkerachse zum Einsatz, die auf dem Fahrwerks-Set-up des Captur basiert. Dieser Schritt dient primär der Kostenreduktion und dürfte sich auf den Fahrkomfort und die Agilität bei höheren Geschwindigkeiten auswirken. Mit einem Wendekreis von 9,87 Metern bleibt der Kleinwagen aber prädestiniert für enge Innenstädte.
Infotainment und Assistenzsysteme: Google hält Einzug
Im Cockpit dominiert ein dualer Bildschirmverbund namens „OpenR“. Er besteht aus einem 7-Zoll-Fahrerdisplay und einem zentralen 10-Zoll-Touchscreen. In der höheren Ausstattungsvariante „Techno“ ist das System OpenR link mit integrierten Google-Diensten serienmäßig. Damit halten Google Maps, der Google Assistant und der Play Store erstmals Einzug in das A-Segment. Die Routenplanung berücksichtigt Ladestopps und kann die Batterie für den Ladevorgang vorkonditionieren.
Bis zu 24 Fahrerassistenzsysteme (ADAS) sind verfügbar, viele davon allerdings nur optional im „Parking & Safety“-Paket. Dazu gehören ein adaptiver Tempopilot, ein Toter-Winkel-Warner sowie ein Ausstiegsassistent. Ein interessantes Detail ist der „My Safety Switch“, ein physischer Knopf, mit dem sich die bevorzugten Einstellungen für bis zu fünf Assistenzsysteme gleichzeitig aktivieren oder deaktivieren lassen.
Entwicklungsprozess: In Rekordzeit von der Idee zur Serie
Um den Preispunkt zu erreichen, hat Renault den Entwicklungsprozess radikal umgestellt. Das Fahrzeug wurde in nur 100 Wochen – also unter zwei Jahren – zur Serienreife gebracht. Dies gelang durch eine enge Zusammenarbeit zwischen dem französischen Entwicklungszentrum Ampere und dem Forschungs- und Entwicklungszentrum ACDC in Shanghai. Die chinesischen Partner profitierten von ihrem lokalen Ökosystem, um Entwicklungszeiten zu verkürzen und Kosten zu senken, während Plattform, Elektronik und Software in Frankreich verantwortet wurden. Produziert wird der Twingo E-Tech für den europäischen Markt im Werk Novo Mesto in Slowenien. Dieser beschleunigte, globalisierte Ansatz dürfte bei zukünftigen Renault-Modellen zum Standard werden.
Fazit: Lücke schließen
Renault wagt mit dem Twingo E-Tech einen mutigen Schritt. Das Fahrzeug adressiert mit seinem Fokus auf Praktikabilität, cleveren Detaillösungen und einem aggressiven Preis eine spürbare Lücke im europäischen Markt. Die Nutzung von kostengünstiger LFP-Technologie und ein hocheffizienter Entwicklungsprozess mit starkem China-Bezug machen diesen Preis erst möglich.
Die Kehrseite der Medaille sind technische Kompromisse wie die moderate DC-Ladeleistung und die vereinfachte Hinterachskonstruktion. Der Twingo E-Tech positioniert sich damit klar als urbanes Fahrzeug und tritt in direkte Konkurrenz zum Dacia Spring, stellt aber auch eine europäische Antwort auf die aufkommenden günstigen Elektromodelle von chinesischen Herstellern dar. Ob das Konzept aufgeht, wird der Markt zeigen.