Alle guten Dinge sind drei. MG erweitert sein E-Auto-Angebot auf die Größen S, M und L. Mit dem MG S6 EV kommt der Größte ins Trio aus MG 4 und MG S5.
Der Hersteller sortiert das Mittelklasse-Auto ins C-Segment. Dem würde ich aus mehreren Gründen (Größe, Ausstattung, Preis) widersprechen und von gehobener Mittelklasse im D-Segment sprechen. Der Wagen ist 4,71 m lang, 1,66 m hoch und 1,91 m breit (ohne Spiegel) mit einem Wendekreis von elf Metern. Die beiden Achsen sind 2,84 m (Radstand) voneinander entfernt. Dafür ist die Beinfreiheit der Passagiere auf der Rückbank erstaunlich groß. Das riesige Glaspanoramadach sorgt für Kopffreiheit und angenehme Lichtstimmung im Inneren.
Der MG S6 ist ein absolutes Raumwunder, denn neben den Passagieren fasst der Kofferraum noch 674 Liter (nach VDA-Norm). Unter der Fronthaube sind nochmals 124 Liter Stauraum. Bei der Allrad-Version sind es 102 Liter. Insgesamt bietet das Auto mit umgeklappter Rücklehne 1.910 Liter Stauraum. In den Türen und der Mittelkonsole ist reichlich Platz für Kleinkram und zwei Flaschen. Besonders praktisch finde ich das Klappfach links vom Lenkrad, das man nicht auf Anhieb entdeckt und somit hier gut Schlüssel, Garagenöffner oder Ladekarten sicher verstauen kann.

All inclusive Ausstattung
Das Smartphone kommt auf die Ablage der Mittelkonsole. Auf Wunsch wird es dort geladen. Aber die Energiezufuhr kann man auch im Menü deaktivieren. Bei der Fahrt über portugiesische Landstraßen mit Blick auf die Wellen des Atlantiks fällt auf, wie gut der MG S6 ausgestattet ist. Nun ja, als Journalist bekommt man meist die Vollausstattung zu sehen, doch bei MG ist das die Serienausstattung.
Kein Wunder, dass der Wagen als MG S6 EV Luxury verkauft wird. Er verfügt über Head-up-Display, Ambientebeleuchtung, 20 Zoll Leichtmetallfelgen und ein Glaspanoramadach mit elektrischem Sonnenrollo. Vorn sind die Sitze wahlweise beheizt oder belüftet. Die beiden äußeren hinteren Sitzen sind beheizt. Es gibt drei Speicherplätze für Sitz- und Spiegeleinstellungen des Fahrersitzes, der über eine Lordosenstütze verfügt. Apple Car Play und Android Auto funktionieren ohne Kabel. Wer mit dem Smartphone navigiert, sieht die Route auf dem 12,8 Zoll großen Bildschirm in der Mitte. Das HuD übernimmt die Fremdnavigation nicht. Es zeigt nur die systemeigenen Navigationsangaben.

Bis Tempo 200 km/h
Ausgestattet ist das Auto mit einem 188 kW starken E-Motor im Heck. Der liefert 350 Nm Drehmoment und bringt den Wagen in 7,3 Sekunden auf Tempo 100. Die Allrad-Version, Luxury AWD, ist in 5,1 Sekunden bei 100 km/h. Dafür sorgen zwei Motoren mit einer Systemleistung von 266 kW und 540 Nm Drehmoment. Die Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h kann man in Portugal nicht austesten.
Mit moderatem Tempo geht es über die hügeligen Landstraßen. Leider bügelt das Fahrwerk nicht sämtliche Schlaglöcher der Straßen weg. Da hilft auch die Einstellung „Komfort“ beim Fahrmodus nicht. Schließlich hat der Wagen keine adaptive Luftfederung. Der Fahrmodus beschreibt nur, wie Energie an Motoren und andere Verbrauch abgegeben wird.
Mit der linken Sterntaste am Lenkrad hat man die Wahl zwischen Normal, Sport, Komfort, Schnee und Benutzerdefiniert. Mit der Sterntaste auf der rechten Lenkradseite wählt man den Rekuperationsmodus Schwach, Mittel, Hoch oder Adaptiv. Letzteren verstehe ich so, dass er der Straßenlage angepasst wird. Doch vor Kreisverkehren rekuperiert der MG S6 keineswegs stark genug, ich muss meinen Fuß auf die Bremse drücken, um die Kurve zu bekommen.
Hält die Spur nicht
Der MG S6 EV kommt mit einem Level 2 Fahrassistenten, der MG Pilot heißt. Er hält Abstand zum Vorausfahrenden als auch die gewünschte Geschwindigkeit. Es soll auch einen Spurwechselassistenten geben, doch in meinem Fahrzeug versagt bereits der Spurhalteassistent. Mehr als eine Spurverlassenswarnung ist es nicht. Praktisch ist das Toter-Winkel-Kamerabild, wenn man beim Rechtsabbiegen an einer Kreuzung steht. Auch das 360-Grad-Kamerabild mit einer transparenten Fahrzeugansicht ist beim Zurücksetzen extrem hilfreich. Die Tempowarnung im MG Pilot lässt sich schnell über die Shortcuts bei Fahrtbeginn deaktivieren, indem man mit dem Finger vom Bildschirmrand nach unten wischt und so die Optionen aufruft.
Moderate Ladeleistung
Mit einer 74,3 kWh Batterie hat MG nicht ganz oben ins Regal gegriffen. Bei der maximalen Ladegeschwindigkeit von 144 kW gehen sie ebenfalls vorsichtig ans Werk. Aktuelle Modelle haben nur noch selten eine Drei vorn, wenn es um die Ladezeit von 10 bis 80 Prozent geht. Das dauert beim MG S6 38 Minuten. Am Wechselstromlader wird mit 11 kW geladen.
Laut WLTP-Zyklus ergibt sich eine Reichweite von 530 km bzw. 485 km mit zwei Motoren. Bei meiner Testfahrt liegt der Verbrauch bei 17,8 kWh auf 100 km. Rechnerisch beträgt die realistische Reichweite also rund 420 km. Das war hauptsächlich auf portugiesischer Landstraße, die deutsche Autobahn ist noch mal ein anderes Kapitel. MG gewährt sieben Jahre oder 150.000 km Garantie auf Batterie und Motoren

Noch Softwareschwächen bei der Ladeplanung
Bei der Ladeplanung schwächelt der MG S6 auf meiner Proberunde. Das mag an der Softwareversion liegen. Zuerst wird die Route von Portugal nach Berlin berechnet. Dann bittet man das System um eine Ladeplanung. Die wird in die deutsche Hauptstadt angelehnt, weil unterwegs die Distanz zwischen Schnellladern zu groß ist. Kaum zu glauben. Das dürfte ein Software-Bug sein.
Für die 640 km lange Route nach Madrid plant das System drei Ladestopps ein, bei einer verfügbaren Restreichweite von 280 km. Die Stopps werden nur bis rund 50 Prozent Batteriekapazität (SoC) eingeplant. Ein Ladelimit ist im System nicht aktiviert. Hier gibt es nur eine Schlussfolgerung: unreife Software.
Auch auf die deutschsprachige Übersetzung des Menüs hätte MG noch mal einen Muttersprachler schauen lassen sollen – viele Schreibfehler und blumige Bezeichnungen. Die manuelle Batterie-Vorkonditionierung ist ein Beispiel, die heißt hier „Intelligent angetriebene Batterieheizung“. Aber ein Lob an den Hersteller, dass es die manuelle Option des Vorheizens gibt. Das machen längst nicht alle Hersteller. Es hat Vorteile, wenn man auf seiner Stammstrecke unterwegs ist und kein Navi nutzt. Die Batterieheizung ist in der Regel ans Navi gekoppelt. Verwendet man sein Smartphone für die Navigation, dann wird kurz vor dem Ladestopp die Batterie auch nicht auf Temperatur gebracht. Hier hilft die manuelle Option.
Das Erbe der Sportwagen
MG ist seit 2021 in Deutschland wieder auf dem Markt. Einige mögen sich noch an die britische Sportwagenmarke erinnern. In den 1920er Jahren war Morris Garage (MG) ein großes Ding bei den Briten. Seit 2007 gehören die Markenrechte dem chinesischen Autohersteller SAIC. Seit dem Marktstart wurden rund 92.000 Fahrzeuge in Deutschland verkauft. Das Unternehmen wird im Laufe des Jahres die 100.000 Marke erreichen. Im vergangenen Jahr waren es 26.500 Auto, davon 8.951 E-Autos. MG baut auch Verbrenner und Hybrid-Fahrzeuge. Weltweit verkaufte SAIC im vergangen Jahr 4,5 Millionen Autos. Zum 100. Geburtstag der Marke brachte MG mit dem Cyberster einen elektrischen Roadster auf den Markt, der an die sportlichen Wurzeln der Marke erinnert (ab rund 65.000 Euro).

Selbstbewusste Preisgestaltung
Auch wenn MG längst nicht das Modellangebot oder die Bekanntheit eines BYD in Deutschland hat, gehen sie durchaus selbstbewusst an die Preissetzung. Der MG S6 EV Luxury mit Heckantrieb kostet 48.990 Euro. Die Allradversion liegt bei 53.990 Euro.
Die Wettbewerber heißen beispielsweise VW ID.4 und Skoda Enyaq. Deren Einstiegspreise liegen bei rund 40.000 und 48.900 Euro. Die günstigere 60er Version vom Enyaq ist aktuell nicht bestellbar. Der Neuling geht also aufrecht in den Markt, wobei die Strafzölle sicher ihren Part spielen.
Doch der Vergleich von Einstiegspreisen bei den Wettbewerbern hinkt. Beim MG S6 ist (fast) alles schon mit drin. Nur wer kein weißes Auto will, zahlt für eine der sechs anderen Farben 690 Euro extra. Wer statt des dunklen ein helles Interieur möchte, zahlt 450 Euro drauf. Das war´s, mehr Optionen gibt es nicht. Die umfangreiche Ausstattung ist die Serienausstattung.
Fazit
Insgesamt hinterlässt der MG S6 einen guten (Fahr-)Eindruck. Materialität und deren Verarbeitung im Innenraum fallen hochwertig aus und fühlen sich angenehm an. Es ist ein solides Familienauto, das genau das bietet, was Familien brauchen: Platz.
Bei den Leistungsdaten oder dem Design ragt der Wagen nicht unbedingt aus der Menge hervor. Dafür wirkt der Preis auf den ersten Blick recht hoch. Da nur wenige Menschen diesen Wagen kaufen werden, spielt die Leasingrate eine entscheidende Rolle. Wenn sie attraktiv ausfällt, sollten Auto-Umsteiger sich den MG S6 EV näher anschauen.






