MG IM6: Überholen die Chinesen damit Tesla?

MG IM6


MG wagt sich ins Premium-Segment. Die E-Autos IM5 und IM6 erweitern das Portfolio nach oben. Wir konnten dem IM6 für eine erste Testrunde im französischen Jura-Gebirge bewegen.

100 kWh Batterie mit 800 Volt-System, bis zu 396 kW Ladeleistung, 553 kW (751 PS) in der Allradversion, Hinterachslenkung und optionale Luftfederung sind nur einige Punkte des E-Autos.

Der Elefant im Raum

Ja, beide Modelle IM6 und IM5 weisen unglaubliche Ähnlichkeit mit Modellen von Tesla auf. Das ist nicht nur Außen so. Der gesamte Innenraum erinnert an die US-Modelle: Schlüssel in Fahrzeugform, Aktivierung des Assistenten, Darstellung anderer Verkehrsteilnehmer im Fahrerdisplay, Kugel-Knöpfe im Lenkrad. Einfach alles schreit hier Tesla. Nur beim Handschuhfach gehen die Chinesen eigene Wege. Das lassen sich einfach weg.

MG IM6
MG IM5 und IM6

Kunden nicht verwirren

Die frappierende Ähnlichkeit ist aber nicht die Schuld von MG. IM ist ein eigenständiger E-Autohersteller in China. Er wurde 2020 gegründet und steht für Intelligence in Motion (IM). Hier hat man sich Tesla als Vorbild ausgesucht. SAIC, der Autohersteller aus Shanghai, ist bei IM als auch MG Anteilseigner. Um die Kunden in Europa nicht mit einer weiteren Marke zu verwirren und um Geld zu sparen, hat man in Europa IM unter das Dach von MG gepackt. Auch das Händler- und Servicenetz soll IM nutzen. Schöne Idee, aber irgendwie ist die Verwirrung doch komplett.

Am Heck beider Modelle steht MG, aber sie tragen nicht das klassische MG-Logo. Die zwei Punkte und zwei Striche als IM zu erkennen, fällt schwer. Beim Morsecode steht zwei Mal kurz und zwei Mal lang für die Buchstaben IM. Aber wer weiß das schon? Nette Idee: Der i-Punkt beim Heck-Logo ist der Knopf für den Kofferraum. Der fasst 665 Liter beim IM6. Unter den Fronthaube sind noch mal 32 Liter Stauraum. Wem das nicht ausreicht, packt Gepäck aufs Dach (bis 75 kg) oder nutzt die Anhängerkupplung für einen Fahrradträger (bis 75 kg) oder zieht einen Anhänger mit bis zu 1.500 kg Gewicht (gebremst).

Bergetappe meiner Tour de France

Die Testrunde führt bei spätsommerlichem Wetter über eine Bergstraße, auf der man noch die Malereien der Tour de France-Fans sehen kann. Die Route ist im Herbst bei Oldtimer-Fans besonders beliebt. Laufend kommen einem automobile Schätze aus vergangenen Jahrzehnten entgegen, die man schon weithin hören kann. Ich dagegen beschleunige lautlos aus den engen Serpentinen-Kurven heraus. Die 553 kW Motorleistung in Front und Heck mit 802 Nm Drehmoment und einer Beschleunigungsleistung von 3,5 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h geben mir die notwendige Kraft für sportliche Bergsprints. Da sind die 2.410 kg Gewicht kein Hindernis. Nur die Höchstgeschwindigkeit von 239 km/h kann ich hier unmöglich ausprobieren.

MG IM6

Großes Assistenzpaket

Das 4,90 m lange und 1,99 m breite Fahrzeug mit der optionalen Luftfederung und 21 Zoll Rädern (Drive Pack) sowie Hinterachslenkung macht sich auf den engen Bergstraßen ganz hervorragend. Auf dem kurzen Autobahnstück, darf auch der Assistent mal ran (rechten Hebel nach unten drücken). Der macht seine Arbeit gut. Auf einem Parkplatz probiere ich den Parkassistenten aus, der zügig in die Lücke quer zur Fahrbahn einparkt.
Es gibt nur einen Punkt der negativ auffällt: Der Blick in den Rückspiegel. Die Heckscheibe ist mehr Schlitz als Scheibe. Aber eine leichte Aufwärtsbewegung an der rechten Kugel im Lenkrad aktiviert die Heckkamera. So hat man, auch während der Fahrt, alles hinter sich im Blick.

800 Volt und hohe Ladeleistung

Der Verbrauch der Allradversion liegt laut Broschüre bei 23,4 kWh auf 100 km. In den Bergen liegt meine Anzeige bei 27,8 kWh, das überrascht beim sportlichen Auf und Ab wenig. Am Ende der 105 km langen Runde sind es sogar nur 22,7 kWh.

Einen Ladestopp einzulegen, lohnt sich bei der Testfahrt nicht. Laut Herstellerangabe werden in 17 Minuten am Schnelllader von 10 bis 80 Prozent geladen. Diese Ladeleistung liegt bei bis zu 396 kw. Bei der NMC-Batterie sind 96,5 kWh nutzbar, was für eine Reichweite von bis zu 625 km ausreicht.

MG IM6

Premium-Komfort

Ein 26,3 Zoll Display dient zur Hälfte als Fahrerdisplay und zur anderen Hälfte fürs Infotainment. In der Mittelkonsole gibt es noch ein 10,5 Zoll Touch-Display für Fahrzeugeinstellungen. Ein leichter Druck auf die rechte Kugel im Lenkrad öffnet in diesem Bildschirm die Kurzwahl-Optionen, wozu auch das Deaktivieren des Tempowarners zählt.

Die belüfteten und beheizten Sitze bieten auch eine Massagefunktion. Den Komfort rund die Audioanlage mit 20 Lautsprechern ab. Ihre Menüoptionen sorgen für Konzertsaal-Feeling während man fährt. Natürlich wird das Smartphone in der Ablage geladen (50 Watt) und gekühlt.

MG IM6

Preise und Wettbewerbsvergleich

In Deutschland startet der IM 6 mit Heckantrieb bei 56.990 Euro. Die gefahrene Allradvariante kostet 60.990 Euro. Hinzu kommen das Drive Pack mit 2.000 Euro, eine Metallic-Lackierung für 790 Euro und die helle Innenausstattung für 650 Euro. Der IM5 mit 300 kW und Heckantrieb startet bei 53.990 Euro. Die Allradversion mit 553 kW (751 PS) kostet ab 58.990 Euro.

Beim Einstiegspreis liegen die MG-Modelle deutlich über den Tesla-Basisversionen. Die Rechnung ändert sich allerdings, wenn man die Ausstattung anschaut. Für den Einstiegspreis von 53.990 Euro beim IM5 und 56.990 Euro beim IM6 bekommt der Käufer serienmäßig eine 800-Volt-Architektur mit bis zu 396 kW Ladeleistung, Allradlenkung und eine 100-kWh-Batterie.

MG IM6

Bei Tesla ist eine vergleichbare Reichweite und Leistung erst in der Region der Premium-AWD- oder Performance-Variante zu haben, also bei 50.000 bis 58.500 Euro. Die MG-Modelle konkurrieren preislich eher mit den oberen Tesla-Ausstattungslinien als mit den Einstiegsversionen.

Bei der Ladeleistung liegt MG mit den bis zu 396 kW auf dem 800-Volt-System vor beiden Tesla-Modellen, die konstruktionsbedingt bei 250 kW an Superchargern bleiben. Das relativiert den höheren Anschaffungspreis auf der Langstrecke, sofern die passende Ladeinfrastruktur vorhanden ist.

Fazit

Mit IM5 und IM6 zeigt SAIC, dass sich chinesische Hersteller technisch nicht mehr hinter europäischen und amerikanischen Premiummarken verstecken müssen. Die Fünf-Sterne-Bewertung des IM6 im Euro-NCAP-Test ist dabei ein erster positiver Beleg. Wer sich für ein E-Auto in diesem Preissegment interessiert, sollte auf jeden Fall eine Probefahrt machen.

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  • Dirk Kunde im MG IM5
Bild von Dirk Kunde

Dirk Kunde

Elektroautos, Brennstoffzellen, stationäre Speicherbatterien, V2G, Ladeinfrastruktur, autonomes Fahren – die spannendsten Entwicklungen passieren im Bereich Mobilität. Darum geht es in meinen Artikeln und Videos. Als Journalist bin ich stets auf der Suche nach neuen Ideen für Mobilität von Morgen.

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